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einladung zur Buchvorstellung: “SPÄTLESE - Kurzgeschichten.” Eine bunte Mischung aus Beiträgen auf der gleichnamigen Leseveranstaltung im Barmbeker Kulturpunkt. Ort: Barmbek/Basch. 25. November 2011 um 20:00 Uhr. Moderation: Wolfgang A. Gogolin. Mehr Info ! |
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Rauchen verboten Oder: Ein Tag im Leben eines europäischen Werbeprofis Aber vielleicht, so grübelte Gerlach, fände sich ja ein Ausweg für die bedrohten Kollegen, ja für die gesamte Branche. Der gewitzte Webeprofi dachte dabei an die Schaffung moderner Wohn-, Arbeits- und Schlafbüros für mobile Texter und Artdirektoren. Teure Geschäftsmieten würden entfallen, die Gehälter für diese neuen Wanderkreativen könnten mit den Kosten für Unterkunft und Verpflegung verrechnet werden. Und da im osteuropäischen Ausland oder in Asien die Lebenshaltungsgesamtkosten erheblich niedriger wären als hierzulande, könnten deutsche Werbeunternehmen endlich mithalten im internationalen Ranking. Günther Gerlachs Augen leuchteten auf. Er schnippte mit den Fingern. „Jaaa, nur die Anpassungsfähigen werden überleben.“ Keine Frage, auch Gerlachs Agentur würde sich anpassen müssen. Bis dahin freilich gab es Hoffnung, jedenfalls für die nächsten Monate. Ein großer Auftrag stand zur Entscheidung, heute Vormittag noch. Der Verhandlungspartner war kein Unbekannter, sondern ein langjähriger Mitstreiter aus dem „Verein für frei gesinnte Euro-Liberale“. Der begehrte Geschäftspartner machte in Sanitäranlagen, und das äußerst erfolgreich. Am wichtigsten aber: Er war zugleich ein guter Sportkamerad im Golfclub. Bei dem Gedanken an den Sanitär-Fabrikanten legte sich ein feines Lächeln auf Gerlachs Gesicht. Wie man tuschelte, hatte der mögliche Auftraggeber heftige Streitigkeiten mit Henriette - seiner verdammt jungen Frau. Jaaa, die wilde Henne aus der Golf-Baaar... Gerlachs Grinsen wurde gröber, fetter. Endlich, seine Laune hob sich. Gute Laune, die hatte zuletzt nur die kleine, verzaubernde Melodie seines erfolgreichsten Werbespots verbreitet. Eine Wohltat auf allen Sendern. Doch leider war das Musikstück von einem Tag auf den anderen verklungen. Und mit ihm der berühmte Werbespot. Ein Meisterwerk, das Gerlachs Werbebüro den Aufstieg beschert hatte vom kleinen randständigen Ideenbrüter zu einer international anerkannten Kreativagentur. Sollte heute, ein knappes Jahr später, schon wieder alles vorbei sein? Alles neu macht der Mai, dachte Gerlach trotzig. Was blieb, war der zwei Meter breite Flachbildschirm über dem Firmeneingang, auf dem der Werbespot noch zu bewundern war. Dynamisch und elegant fährt darin eine moderne, soeben in den Markt gelenkte Limousine der Luxusklasse von Westen nach Osten quer durch den Kontinent. Ihr Name: „Borasa Europa“. Seine weichen, zugleich herrschaftlichen Formen machen das Fahrzeug zu einem optischen Erlebnis. Und wenn seine azurblau lackierte Silhouette aus asiatischem Blech vor blühenden europäischen Landschaften in die Nahaufnahme gezoomt wird, klatschen Passanten Beifall. Der „Borasa Europa“ stoppt, die Autotüren öffnen sich und heraus steigt eine junge, fröhliche, multikulturelle, kinderreiche Familie. Kaum dass sie vor einem malerischen Wasserfall Aufstellung genommen hat, wird sie eingerahmt von 12 goldenen fünfzackigen EU-Sternen. Diese, und das ist die eigentliche Botschaft, verwandeln sich in klobige, unansehnliche Aschenbecher, die von kräftigen roten Balken durchkreuzt werden. Das Fahrzeug nimmt Fahrt auf und eine feierliche Stimme aus dem Off erklärt, dass der „Borasa Europa“ das weltweit erste rauchfreie Gesundheitsauto sei, denn für den passenden Kfz-Aschenbecher solle der Kunde 50 000,- Euro berappen. Nicht lange und die ersten Ehrungen und Auszeichnungen für den Werbespot hatten sich ankündigen sollen. Höhepunkt: die Auszeichnung zum „Werbespot of the World“. Doch dann geschah, was niemand für möglich gehalten hatte. Nicht einer der Reichen, Schönen und Berühmten aus Politik, Show und Wirtschaft war anlässlich der mondänen Gala im „Borasa Europa“ vorgefahren. Umfragen hatten es an den Tag gebracht: den Finanzgrößen war das Auto zu langweilig. Sie zogen es vor, oberklassige BMWs oder Mercedes’ zu kaufen und sich anschließend den Ausbau des Aschenbechers von der EU mit 50 000 Euro honorieren zu lassen. Eine selbstverständliche Regelung, die der Gerechtigkeit und allgemeiner Gleichstellung diente. *** Einer freilich fuhr den Boraso ohne Aschenbecher und ohne Wenn und Aber: Gerry Gerlach, Nichtraucher, Eigner der ausgezeichneten Kreativagentur und feinsinniger Erfinder des Werbespots. Um Punkt 10.00 Uhr machte er sich mit seinem Lieblingsgefährt auf den Weg zur verabredeten Vorbesprechung mit dem Sanitär-Fabrikanten. Dessen neueste Kreation war das erste nach aktuellen EU-Richtlinien gefertigte transportable Nichtraucher-Toilettenhäuschen. Sein schlichter Name: Triobox alpin NR. „Trio“ genannt, weil es sich nicht einfach nur um ein einzelnes, sondern gleich um drei Toilettenhäuschen handelte. Der Zusatz „alpin“ kennzeichnete den eleganten, schlank aufragenden Turm, zu dem die drei übereinander konstruierten Toiletten geformt waren. Hinter vorgehaltener Hand übrigens auch Dixi hoch 3 genannt. Genial: der nahezu unsichtbare Außenfahrstuhl. Das Buchstabenkürzel NR stand für Nichtraucher. Der Clou: Entzündete sich eine unnatürliche Wärmequelle, erklang die Stimme einer weiblichen Person, die in langsamer, dramatischen Tonfolge die 10 häufigsten Krebsarten aufzählte. Klar, dass sich Gerry Gerlach für diese urgesunde und Platz sparende Neuerung die werbemäßige Markteinführung sichern wollte. Der Werbeprofi war ein präzise planender Mensch. Keine Sekunde früher als 10.15 Uhr steuerte er das Firmengelände des Sanitär-Fabrikanten an. Es war 10.30 Uhr, als sich die Geschäftspartner zur Begrüßung die Hand reichten. Um 10.35 Uhr erklang im Nebenraum eine helle, aufbrausende Frauenstimme. Oha, die wilde Henne, dachte Gerlach. Seinem Geschäftspartner, dem Fabrikanten, zuckten die Nasenflügel. Er wirkte genervt, schien mit den Augen durchs Fenster zu flüchten, hinaus auf den Parkplatz. Da, angesichts des Borasa Europa erstarrten seine sonst so nervösen Pupillen. Nur Augenblicke später, so gegen 10.36 Uhr, brüllte er nach seiner Sekretärin. Wer es gewagt habe, das unverkäufliche Europa-Auto auf dem Direktionsparkplatz abzustellen. Unter allen Umständen, so der Sanitärfabrikant, müsse verhindert werden, dass das Versagerauto mit seiner Triobox alpin NR in Verbindung gebracht werde. Barsch wies er an, das Fahrzeug abzudecken. Was für ein Affront! Das Herz in Gerry Gerlachs Brust beschleunigte nicht nur von 90 auf 220, nein, es schien von innen her mit wuchtigen Schlägern seine Rippen zu zertrümmern. Doch der Werbemann duldete die Schmerzen ungerührt. Der Triobox-Auftrag musste her, selbst wenn er dafür den aufrechten Gang opfern müsste. Jetzt galt es, die Haltung, vor allem aber die unternehmerische Initiative zu bewahren. Mit dem Bauchgefühl einer geschmeidigen Werbeseele begann Gerlach die eingängige Melodie aus der Borasa-Werbung zu summen. Und tatsächlich: sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Gesichtszüge des Auftraggebers entspannten, die Augen verklärten sich. Zuvorkommend, lächelnd, offen in seinen Gesten, sagte er: „Herr Gerlach, so sehr mir der „Borasa Europa“ missfällt, so sehr liebe ich seinen Werbespot. Den halte ich schlichtweg für genial. Finden Sie für meine Triobox alpin NR eine so anregende Melodie und wir kommen ins Geschäft.“ Das waren Worte, die auf Gerry Gerlachs Gesicht ein ehrliches Lächeln zauberten. Denn genau eine solche Melodie steckte als Demo in seinen Unterlagen. Glaubte er jedenfalls. Wenige Sekunden später hielt er eine CD in der Hand, fragte nach einer Abspielmöglichkeit. Während des Wartens auf die Technik erläuterte Gerlach sein Werbekonzept. Danach wolle er einen Schwerpunkt auf den Begriff Trio setzen, mithin ein Musikstück erklingen lassen, das von genau drei Musikern gespielt werde, einem Trio eben. Da die Musiker, wie einst die Bremer Stadtmusikanten, einander auf den Schultern stünden, werde auch auf diese Weise eine optische Nähe zur hoch aufragenden Triobox alpin NR geschaffen. Zudem seien die drei Musiker Nichtraucher, was durch eine tellergroße Plakette auf der Brust jedes einzelnen signalisiert werde. Angelockt von ihrem Spiel kämen Dutzende Männer, Frauen, Kinder gelaufen. Allesamt würfen sie brennende Kippen und volle Zigarettenschachteln in einen bereitstehenden Abfallbehälter. Während die ersten Passanten die Kabinen der Triobox aufsuchten, bekämen die Abwartenden von den Musikern ein Liedchen gespielt. Nach dem Verlassen der Triobox alpin NR würden die Erleichterten tanzen und flöten und das demonstrative Angebot einer Zigarette empört ablehnen. Gerry Gerlach schloss: „Und über dem Ganzen werden azurblaue Europa-Flaggen wehen, je drei an einem Mast versteht sich.“ Der Triobox-Fabrikant schob seine Unterlippe über die Oberlippe. Dann kratzte er mit dem Fingernagel des Zeigefingers über seine Wange. Das schabende Geräusch ließ Gerry Gerlach nervös werden. „Hm!, machte der Fabrikant, „hm, ich glaube, das hat etwas.“ Gerry Gerlach atmete auf. Das Glück hatte ihn also noch nicht verlassen. „Vielleicht“, so lockte er, „sollten wir den europäischen Akzent noch ein Stück weit herausarbeiten. Sie wissen ja: Image, mediale Aufmerksamkeit, EU-Fördergelder!“ Der Fabrikant zeigte unerwartete Nervosität. „Och, och-och“, raunte er, „da bleibe ich lieber bescheiden. Denn, äh!, diese Fördergelder für Nichtraucher sind längst geflossen. Was soll man die Chose an die große Glocke hängen. “ Der Fabrikant verzog nachdenklich die Mundwinkel. „Es sei denn…“, murmelte er. „Es sei denn..?“, wiederholte Gerry Gerlach lockend. „Es sei denn, wir würden es mit elektrischer Energie aus Biogas versuchen…“ Gerry Gerlach lenkte seinen Blick auf das Modell der Triobox alpin NR. „Biogas..?“, fragte er ungläubig. „Na ja“, antwortete der Sanitärfabrikant zögernd, „wir haben eine Versuchsreihe gestartet. Aber der Erfolg ist mäßig. So viel Kohl und Sauerkraut könnte kein Mensch essen…“ Der Sanitärproduzent winkte ab. „Lassen wir das!" Gerry Gerlach war nicht nur ein guter Werbemann, sondern auch ein guter Psychologe. Also beließ er es dabei und fragte nicht weiter nach. Plötzlich, als wäre die Ablenkung bestellt, polterte es im Vorzimmer. Wieder war die Stimme der wilden Henne zu hören. „Ich bin seine Frau! Sie lassen mich da jetzt gefälligst rein!“, brüllte sie. Und abermals durchpflügte lautes Poltern die Luft, als würde mit Stühlen geworfen. Dann stand die Schnaubende zwischen den Türpfosten: „Henriette!“ Die Stimme des Fabrikanten klang durchmischt: freudig, herzlich, demütig, aber auch misstrauisch und unwirsch. „Karlchen“, sagte sie, „ich hoffe, du bist dir darüber im Klaren, dass ich dir nie verzeihen könnte, meine Vorschläge zu ignorieren.“ Der Fabrikant wollte antworten. Henriette kam ihm zuvor: „Karlchen, überleg dir genau, was du sagst!“ Die Gesichtszüge des Fabrikanten verloren augenblicklich an Spannung. Henriettes Augen wurden schmaler. „Also?“ Der Fabrikant lenkte ein: „Alles in Ordnung, mein Schatz, du darfst die Gesundheitshinweise in die elektronische Anlage der Triobox einsprechen.“ „Und was ist mit dem Krebs? Ich verlange, dass die Reihenfolge korrigiert wird.“ Sie hob den Zeigefinger. „Denn auf den Magen- und den Lungenkrebs folgt nicht der Dickdarm- und der Blasenkrebs, sondern der Fluss- und der Nordmeerkrebs. Denk an deine Fischvergiftung!!“ Plötzlich war Stille. Gerry Gerlach beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich der Kopf des Sanitär-Fabrikanten senkte. Heftig schnappten seine Lippen nach Luft. „Drohend, in gleichmäßig gesetzten Wörtern antwortete er: „Und genau diese Ansage wird nicht zu Deinem Text gehören. Und jetzt geh an die Arbeit. Und stör mich nicht länger!“ Letzteres kam schneidend – und wirkte. Die wilde Henne schien sich auszukennen mit den Tonlagen ihres Gatten. Sie wich, wenn auch schnaubend und eine wüste Schimpfkanonade ausstoßend. Einmal noch trat sie aufs Parkett, dann fiel die Tür ins Schloss. Gerry Gerlach wusste um die bindende Wirkung von Vertraulichkeit. He, he, schön, dass ich dabei gewesen bin, schoss es ihm durch den Kopf, und: Das ist die halbe Miete! War es ihm eben noch gelungen, den Fabrikanten mit einer Tonaufnahme zu besänftigen, so sollte jetzt eine andere Tonaufnahme für eine fördernde Spannung sorgen: die niegelnagelneue Werbemelodie für die Triobox alpin NR. Schon schob ein Angestellter die Demo-CD in das Abspielgerät. Und schon erklang in Dolby Surround eine schmissige, dynamische Musik. Doch was war das? Die Töne glichen aufs Haar einem flotten Marsch, niemals aber der zurückhaltend eleganten Komposition für das stille, intime Geschäft. Der Fabrikant richtete seinen Oberkörper auf. Ganz langsam schob sich seine Unterlippe hoch bis unter die Nase. Er wirkte nachdenklich, prüfend, schmeckend. Nicht so Gerry Gerlach. Der war gerade dabei, sich aufzulösen wie ein Stück Fleisch in einer mit Salzsäure gefüllten Tonne. Denn das schmissige Stück war tatsächlich nicht die neue Werbe-Melodie, es war ein Stück aus der Vorwelt: der Preußische Präsentiermarsch. In Gerlachs Kopf raste es. Er war fassungslos. Wer, zum, Kuckuck, hatte ihm dieses Teufelswerk untergejubelt? Fieberhaft durchwühlte er seine Aktentasche. Da war noch eine CD. Sie war nicht etikettiert. Ohhh neiin..!, dachte er, wer konnte wissen, was sich darauf verbarg. Die kommunistische Internationale womöglich. Gerry Gerlach ließ die zweite CD wieder zurück in die Tasche rutschen und beschloss, seinen Schall-Archivar büßen zu lassen. Da, wie aus der Ferne, drang die Stimme des Triobox-Fabrikanten an sein Ohr. Erstaunlich, dass sie nach allem Möglichen klang, aber nicht nach Empörung. Er schnippte mit den Fingern und sagte: „Hm, hm, irgendwie kommt mir die Melodie bekannt vor. Egal, auf jeden Fall passt sie zu meiner Triobox alpin. Rums und Tralala! Ein wirklich flottes Stück… Dennoch, mir scheint, da fehlt etwas.“ Gerry Gerlach machte gute Miene zu nicht mehr ganz so bösem Spiel, antwortete listig: „Es handelt sich ja nur um einen Entwurf, ich werde Ihnen morgen ein anderes, perfektes Musikstück zukommen lassen.“ „Nein, nein“, wehrte der Fabrikant ab, „kein wirklich anderes Musikstück.“ Dann ballte er die Faust. „Ich hab’s, jetzt weiß ich, was fehlt: ein anhaltender Trommelwirbel, ein abschließender Paukenschlag. Ja, so müsste es zugehen in meiner triobox alpin NR. Ich glaube, Herr Gerlach, wir kommen ins Geschäft.“ In Gerry Gerlachs Augenbrauen sammelte sich der Schweiß. Wie sollte er den Irrtum erklären? Doch, sollte er überhaupt etwas erklären? Jetzt, da alles geritzt schien? Geistesgegenwärtig nahm der Werbeprofi den Handschlag an. „Okay“, bestätigte er und beschloss im Stillen, eine verwandte Melodie komponieren zu lassen, die der preußischen zwar ums Haar gliche, aber jeder juristischen Beanstandung standhalten würde. Gerry Gerlach sprang mit einem Satz um den Tisch, riss die CD an sich und suchte den direkten Weg zum Ausgang. „Bis demnächst!“ Als der Eilige endlich den Parkplatz erreichte, schien sein „Borasa Europa“ sich in Luft aufgelöst zu haben. Jedenfalls war das Fahrzeug nirgends zu sehen. Plötzlich stutzte Gerlach. Neben dem Mercedes Horch des Triobox-Fabrikanten stand ein beigefarbenes Etwas mit den Ausmaßen eines Oberklasseautos. Es war ein darüber gebreitetes Tuch, das dem Ding die Farbe verlieh. Zipfel aus grobem Leinen flatterten im Wind. Ahaa! Wie es schien, war der „Borasa Europa“ von den Mitarbeitern des Triobox-Produzenten unsichtbar gemacht worden. Noch während Gerlach deren Disziplin und Pfiffigkeit bewunderte, wurde er von einer weiblichen Person überholt. In einem wehenden Gewand hinterließ sie den betörenden Duft von Chanel. Oha, die wilde Henne! Jauchzend, ja außer sich, verharrte sie vor dem verhüllten Etwas. Gerry Gerlach geriet ins Grübeln: Verbarg sich unter dem Tuch wirklich sein Auto? Da lupfte die schöne Henne ein Tuchende. Um im nächsten Augenblick außer sich zu geraten vor Vergnügen. Einige anhaltend schrille Schreie und die beige Verhüllung war heruntergerissen. Tatsächlich! Es war der „Borasa Europa“. Was immer die Frau des Fabrikanten dazu bewogen haben mochte, seinen, Gerlachs, Wagen zu bejauchzen, für den Werbemann zählte allein der eigene Nutzen. Und den sah er darin, möglichst rasch eine möglichst große Distanz zwischen sich und den Fabrikanten zu bringen. Nicht dass der Auftraggeber im letzten Moment auf die Idee käme, die CD mit der Preußen-Schmonzette dazubehalten. Der Werbemann riss die Autotür auf und warf sich mitsamt seiner Tasche in den „Borasa Europa“. Die endlose Zahl von Handküssen, die die elegant gekleidete und hinreißend duftende Henne hinauf zur Direktionsetage schleuderte, nahm Gerry Gerlach nur noch randständig wahr. Die Tanzende und Springende stand gerade nicht im Weg. Schwer senkte sich Gerlachs Fuß aufs Gaspedal. *** Als Gerry Gerlach den Wagen vor dem Eingang seiner Werbeagentur stoppte, schnaufte er vor Zorn. Die Gedanken auf den Archivar gerichtet, betrat er mit festem Schritt das Kreativbüro. Tief holte er Luft, verzog die Nüstern, zeichnete finstere Falten um seine Augen. Wo war der Schall-Archivar? Doch als der Agenturchef den lichten, von großen Fenstern dominierten Raum betrat, fiel ihm der Zorn aus dem Gesicht. Denn vor ihm amüsierten sich feiernde Mitarbeiter. Laut spielte die Musik. Champagnergläser klirrten, man nippte oder soff, plauderte oder flirtete. Gerlach bemerkte die Tabletts mit Edelhäppchen auf den breiten Fensterbänken und war sprachlos. Was ging hier vor? So ausgelassen durfte nur gefeiert werden, wenn lohnende Aufträge hatten eingefahren werden können. Zuletzt für die Borasa-Werbekampagne. Hatte die Belegschaft Wind bekommen vom Vertrag für die Triobox alpin NR? Oder feierten die Wahnsinnigen ihre bevorstehende Entlassung? Da näherte sich Carola Wageblank, rötlich blondes Haar, grob gekämmt, mit verrutschten Trägern über der Bluse. Sie sorgte für ein positives Klima im Haus, nicht zuletzt auch bei den Werbekunden. Noch heute fuhren Gerlachs Eingeweide Paternoster, wenn er an ihren letzten Auftrag dachte: ein kostspieliger Werbespot für eine Pizzeria in der City Süd. Wie zum Teufel hatte er nur seine Zustimmung für das Projekt erteilen können? Werbevolumen 2400 Euro. Produktionskosten für den Fernsehspot 24000 Euro. Carola Wageblank tänzelte heran. Unwillkürlich trat Gerlach einen Schritt zurück. Da begann sein Blut zu gären. War ihm nicht zu Ohren gekommen, dass die Schöne wieder ein Gastro-Objekt am Wickel hatte, diesmal eine Döner-Bude in der Hafencity? Na ja, in der Hafencity dabei zu sein… Schon war Carola heran. „Na, Cheffi, da staunste, was?“ Geistesgegenwärtig drängte Gerlach die Beschwipste in eine Ecke. Carola kicherte, erwiderte den körperlichen Druck. „Sag mal“, fragte Gerlach, „was ist hier eigentlich los?“ Carola mimte ein gelangweiltes Gesicht. „Cheffi, ich sage nur ein Wort: Europa!“ „Europa?“ Carola lachte glucksend: „Cheffi, wir haben einen waschechten EU-Auftrag erhalten, ganz ohne unser Zutun. Aber diesmal nicht von den Borasa-Werken, sondern, topsecret, direkt aus der Zentrale der Union.“ Das wäre die mittelfristige Rettung der Agentur, überlegte Gerry Gerlach. Und Carola sprach aus, was er dachte: „Einmal EU, immer EU“. Gerry Gerlach lies sich ein Glas Champagner reichen, stieß kräftig an mit seinen Kreativen. Der Preußenmarsch für das Geschäft in der Triobox alpin NR sollte ruhig warten. Das Geschäft mit der EU war dicker, gehaltvoller, viel versprechender für die Zukunft. Zwei volle Gläser, für Gerlach schon zwei mehr als er gewöhnlich während der regulären Arbeitszeit akzeptierte. Missbehagt registrierte er die Vielzahl rasch aufeinander folgender Entkorkungen. Und die Stimmung stieg unaufhörlich. Doch nicht mehr lange. Genug ist genug, befand Gerlach und löste die Feier kurzerhand auf. Zuvor aber sortierte er geeigneten Köpfe zu einer special brain force, wie er die Arbeitsgruppen für besondere Aufgaben nannte. Erste Zusammenkunft: noch am selben Abend. Endlich herrschte Ruhe in der Kreativagentur. Gerry Gerlach nutzte die Gelegenheit zu einem Rundgang durch die Geschäftsräume. Eine Unordnung war das vielleicht... Die Putzfrau würde gut zu tun haben. Plötzlich war eine vertraute Stimme zu vernehmen. Sie sang, pfiff und witzelte leise vor sich hin. Gerlach folgte dem rhythmischen Pfeifen. Es hatte seine Quelle im musischen Talent des Schall-Archivars. Der Entrückte lag flach, die Beine weit von sich gestreckt, zwischen zwei Schreibtischen, ohne jede hierarchische Distanz. Seinen Ohren steckten zwischen Kopfhörern. Gerlach überlegte: Sollte er den Versager rauswerfen? Oh nein! Nicht ohne ihm wegen der vertauschten CD die Leviten gelesen zu haben. *** Da begann draußen vor dem Haus lautstark ein Pärchen zu streiten, Männchen und Weibchen offenbar. Gerade dominierte die Frauenstimme, kreischend, fordernd, drohend. Dann die männliche Stimme, die sich in der Devensive befand. Eine Stimme, die dem Werbemann verdammt bekannt vorkam. Sekunden später schwang die Tür zum Kreativraum auf. Herein stürmte der Triobox-Fabrikant. „Herr Gerlach, Herr Gerlach, bitte, bitte“, flehte er, „Sie müssen mir helfen!“ Dabei hatte er Mühe, mit der Atmung zu folgen. Plötzlich, noch während Gerlach auffordernd nickte, spürte er seinen Kopf im Schwitzkasten des Sanitär-Fabrikanten. Der zerrte sein Opfer ans Fenster, wo er es rüttelte und schüttelte und demonstrativ auf den Hinterkopf schlug, mit der flachen Hand zwar, aber mit Schmackes. Gerlach, dem der Schmerz durchs Haupt jagte, durchlebte uneindeutige Gefühle, war es doch der Peiniger, der in leidendem Tonfall auf ihn einredete: „Herr Gerlach, Herr Gerlach, ich mache es wieder gut, ganz bestimmt, ich mache es wieder gut. Glauben Sie mir, ich kann nicht anders.“ Patsch! Und wieder landeten fünf dicke Finger auf dem Schädel des Werbeprofis. Endlich ließ der Wüterich von seinem Opfer ab. Erschöpft saßen beide auf dem Fußboden. „Es ist Ihr verdammtes Auto, das uns das eingebrockt hat“, keuchte der Fabrikant. Uns (!) eingebrockt?, fragte Gerlach im Stillen und lauschte der Erklärung seines Peinigers. Danach sei die wilde Henne angesichts des verhüllten Borasas davon überzeugt gewesen, ein Geschenk zu bekommen. Eine Versöhnungsgeste, wegen der allzu ausgeuferten Streitereien in letzter Zeit. „Doch dann“, so fuhr der Triobox-Produzent fort, „sind Sie, Herr Gerlach, mit dem vermeintlichen Geschenk einfach davongefahren. Meine Frau hat natürlich keine Sekunde daran gezweifelt, dass es sich dabei um einen dreisten Diebstahl handelt.“ Der Triobox-Fabrikant hüstelte verlegen, als er fortfuhr: „Und jetzt ist sie zutiefst angetan von dem Edelmut, mit dem ich das Geschenk persönlich, mit eigenen Händen sozusagen, zurückerobere.“ Gerlach, noch immer mit brummenden Schädel, entgegnete ungläubig: „Zurückerobern? Habe ich Recht, wenn ich vermute, dass Sie es auf meinen „Borasa Europa“ abgesehen haben?“ „Nicht ich, äh, genau genommen meine Frau.“ Gerlach kniff die Augen zusammen. „Haben Sie nicht heute Morgen erklärt, den „Borasa Europa“ nicht zu mögen?“ „Stimmt, ein scheußliches Auto. Aber was versteht meine Frau schon von Autos? Dafür versteht sie etwas von Werbespots. Sie kennt sie alle, über Satellit, weltweit. Und glauben Sie mir“, versicherte der Fabrikant, „meine Frau ist der größte Fan ihres Borasa-Spots.“ Demütig, drängend, ja flehendlich, so ließen sich die Augen des Fabrikanten beschreiben. Gerry Gerlach, der seine Geistesgegenwart zurück hatte, zeigte sich einverstanden, wenn auch aus geschäftlichen Gründen. Prompt wechselte der Fabrikant von irdischer Schwerkraft in Schwerelosigkeit. „Herr Gerlach“, versprach er, „bei meiner Ehre, ich garantiere Ihrer Kreativagentur sämtliche Werbemaßnahmen für die nächsten 20 Jahre.“ Gerry Gerlach antwortete nicht. Stattdessen entnahm er dem nächstliegenden Schreibtisch ein Blatt Papier, zückte einen Füllfederhalter und notierte die Worte seines Auftraggebers. Der unterschrieb schwungvoll und ließ sich den Autoschlüssel aushändigen Rasch noch wies Gerlach seinen Schall-Archivar an, das Geräusch eines Martinshorns aufzulegen. Er selbst öffnete die Fenster des Büros. Augenblicke später wurde die Straße mit guter deutscher Alarmdramatik beschallt: tatütata, tatütata! Heißa, mit quietschenden Reifen jagte die wilde Henne an der Seite eines noch wilderen Triobox-Fabrikant im Borasa Europa davon. Bei so viel Glück wollte auch Gerlach kein Miesepeter sein und trank mit seinem Schall-Archivar auf die nächsten 10 Jahre erfolgreicher Ideenarbeit. Berauscht von der Gunst der Stunde griff Gerry Gerlach nach den Unterlagen des neuen, so viel versprechenden Werbeauftrags der Europäischen Union. Seite für Seite fraß er die Zeilen in sich hinein. Dann wusste er um das Anliegen seines Auftraggebers. Ein geradezu sozialrevolutionäres Vorhaben. Ab sofort sollten die Europäer nicht nur in der Heimat vor den Folgen unfreiwilligen Rauchens geschützt werden, sondern auch außerhalb der EU, vom Kosovo über den Sudan bis nach Afghanistan. Das Augenmerk der Gesundmacher galt jetzt den europäischen Friedenstruppen. Ob in den Unterkünften, Fahrzeugen oder Kasernen und Lagern, dass Rauchen sollte endgültig unterbunden werden. Ja, man schien sich wirklich Sorgen zu machen um die Gesundheit der Soldaten. Nicht dass sie am Ende gar mit einem Raucherbein zurückkämen von ihrer Friedensmission. Da man aber genau wusste, dass nicht jeder Kämpfer das Herz haben würde, sich dem blauen Dunst zu widersetzen, hatte man die Entwicklung eines stabilen Raucher-Panzers vorangetrieben. So wie in den Raucherecken der Unternehmen und in den Hinterzimmern der Gastronomie sollten darin die süchtigen uniformierten Friedensstifter in aller Ruhe quarzen können, ohne Belästigung ihrer Mitsoldaten. Konsequenterweise hatten die EU-Strategen für den Raucherpanzer sogar eine Abzugshaube eingeplant, die freilich im Ernstfall auch Giftgas oder atomar verseuchtes Material würde entsorgen können. Ein cleverer Nebeneffekt: Befreite und beschützte Völker sollten eingeladen werden, mal hereinzuschauen in den Raucherpanzer, zur fröhlichen Friedenspfeife oder einfach nur zu demonstrieren, wie pfiffig und rücksichtsvoll es sich leben ließe am Rockzipfel der freien Welt. Gerry Gerlach drückte sein Rückgrad durch, hob das Kinn, schmeckte die Ideen, die ihn umschwirrten. Ja, auch Soldaten besaßen ein Recht auf Gesundheit. Eine Träne rollte über seine Wange. So edel, so selbstlos und so viel Herzensgüte, dachte er und warf den ersten Satz des neuen Werbespots auf den Bildschirm des Chefcomputers: „Hat sich der Rauch verzogen, werden Sie mich erkennen. Herzlichst: Ihr Europa.“ © Juni 2007, Rüdiger N. Aboreas
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