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Kleine Auswahl zum Stöbern:
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Aus: T. Rohrer, U. Eickenberg, SPAß BY SEITE, Poesie-Antologie der Leselupe, ISBN 3-935982-5
Vergänglich Zwei Autos, die parkten am Wegesrand: Ein Volvo, ein Daimler – schon altbekannt. Sie zänkelten, prahlten und blafften sich an. Da hupte der Daimler, versicherte dann: „Ich war einst zu Hause in Blankenese, mein Herr aß nur Austern und Öko-Käse, dazu trank er Wein und betörte die Frauen. Er ließ sich ein Schiffchen zum Segeln bauen und grüßte mit Freuden die Elbchaussee - nur Volvos am Wege, die taten ihm weh.
Da kochte der Volvo, geriet fast in Brand, versicherte, ihm sei der Fahrer bekannt: Sein Käse sei stinkig wie Harzer Roller und dumm sei der Kerl wie ein Straßenpoller. Das Schiffchen, das habe nach Fisch gestunken und sei doch bestimmt schon am Kai gesunken. Der Daimler bestünde aus Billig-Blech, gewiss nichts Besondres, nur grottenfrech!“
“Ich aber“, verriet er, „war König hier. Mein Herr trank Champagner, kein Billig-Bier. Er tronte auf Seide und Tüll am Steuer, verziert von Brillianten, unmenschlich teuer. Es duftete süßlich nach Rosenholz, ein Auto, ein Volvo, so göttlich, so stolz.“
Auf einmal, in frühester Morgenstunde, fuhr knatternd ein Polo die erste Runde. Und mit ihm kam schleichend das Tageslicht. Da drohte der Benz dem früh störenden Wicht: „Du billiger Stinker, du Schachtel auf Rädern, du kopfloser Spatz ohne Flügel und Federn, verschwinde, du Wanze, ich jag dich sonst fort.“
Es fiel ihm der mächtige Volvo ins Wort: „Die Autos von heute - ein schlimmes Los, verbrauchen auf Hundert sechs Liter bloß. Ihr Leib wirkt so mickrig, wie auf Diät, die leben nicht lange, die Mode vergeht...“
Ein kreischiges Schmatzen zerriss jäh die Nacht. Schrill hupte der Volvo, ein Kran hob ihn sacht. Dann fiel er vom Haken, direkt in die Presse. „Häh, häh“, rief der Daimler, „jetzt gibts auf die Fresse!“ Doch ohne Verspätung, so zwanzig nach sieben, war auch von dem Daimler nur Schrottwert geblieben. Sein Würfel erreichte die Schmelze um Acht. Sogleich griff die Glut nach der einstigen Pracht. Rüdiger N. Aboreas
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Blicke
Ein Blick = Illusion
Zwei Blicke = Sekundenkleber
Hundert Blicke = Erkenntnisgeber
Tausend Blicke = Erosion
© Rüdiger N. Aboreas, 2006
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Das Kunstwerk
Ein Künstler aus dem Kunstverein hockt still vor einem Busche. Er guckt in eine Grotte rein und malt sie dann mit Tusche.
Und später in der Galerie, da stutzt ein Kunstexperte. Er fragt sich, ob die Frau Marie dem Künstler etwas lehrte.
Der Laie staunt und wundert sich, steht ratlos vor der Wand. Er sagt: "Die Grotte ängstigt mich." Dann ist er weggerannt.
Doch hunderttausend kommen bald, das Kunstwerk zu besehen. Auch suchen sie im dunklen Wald den Grund für sein Entstehen.
Die Fachwelt bietet sehr viel Geld, die Reize zu ergründen. Da meldet sich die Unterwelt, es schimpft der Herr der Sünden:
"Ein Bild, das keinen ruhen lässt, das Tausende anbeten, entsteht, wenn man es unterlässt, die Grotte zu betreten."
© Aboreas, 1998
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Im Grunde
Vom Moos der Jahre ruht bedeckt die kühle Unvergänglichkeit, wo man aus abgelebter Zeit noch die Empfindungsspuren schmeckt.
Hier, wo die Eitelkeit zerspringt und sich Gerüche kristallieren, wo Leiden ihre Kraft verlieren und auch die Leidenschaft verklingt,
hier formen sich in einem fort Skulpturen aus schon toten Träumen zu einem musealen Ort.
Wer mutig ist, darf nicht versäumen, gelegentlich hinabzusteigen, - sich vor sich selber zu verneigen.
© aboreas, 2002
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Empfindung
Sanfte Begierde, die stumm und verhalten über die schuldigen Hügel eines verträumten Strandes in der auf- gehenden Sonne eines großen Gefühls tanzt.
Tastende Finger, die unstet in der treibenden Schwüle zwischen dem spärlichen Bewuchs einer sanft abfallenden Dünung nach Halt suchen.
Krampfenden Hände, die in der auf- schäumenden Springflut des Verlangens hilflos und ver- gebens nach dem rettenden Atem der Besinnung Greifen.
Schwerelose Seelen, die nach der befreienden Durch- Mischung der Elemente In der Stille der Nacht Neue Lebenskräfte sammeln.
C = aboreas 1998
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Lebenshilfe…
Schon immer hofften Chris und Kalle auf Lebenshilfe durch Kristalle. Sie suchten diese feurig-klaren auf Messen und auf Fachbasaren.
Auf blauem Samt entdeckten sie, was Kenneraugen Glanz verlieh, und feilschten, boten ohne Maßen viel mehr, als sie real besaßen.
Vergeblich, wie sich bald erwies, weil sich der Stein nicht kaufen ließ. Doch Chris und Kalle wollten nicht verzichten auf das Funkellicht.
Im Dunkeln schlichen sie zurück und stahlen weg das gute Stück. Es sollte nur noch ihnen nützen, zuerst jedoch - vor Strafe schützen.
C aboreas, 9/2004
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Bei Meiers - 1. Akt
Sonntagmorgen
An einem Sonntag, wie gewöhnlich, da wird Herr Meier plötzlich geil. Er nimmt den Umstand höchstpersönlich, betrifft er doch sein bestes Teil.
Ein stolzer Blick auf die Erregung, dann ist es Eile, die ihn lenkt - bevor noch vor der Bettbelegung das gute Stück sich wieder senkt.
Er bringt der Frau die frohe Kunde, erinnert an den guten Brauch, dass sie ihn küsst mit feuchtem Munde zuerst auf seinen spitzen Bauch.
Frau Meier ist davor nicht bange. Sie hat sich niemals quer gestellt. So dauert es nicht allzu lange, bis auch das rosa Leibchen fällt.
Die Suppe lässt sie weiterköcheln, und auch im Herd die Entenbrust. Sie weiß: Ruckzuck! Nach einem Röcheln verlässt Herrn Meier stets die Lust.
c = aboreas 2003
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Bei Meiers - 2. Akt
Dienstagabend
An einem Dienstag, immer wieder, wird endlich auch Frau Meier geil. Die Lust schwillt an, kriecht unters Mieder und schreit nach eines Mannes Teil.
Frau Meier winkt, zeigt ihre Brüste, lockt ihren Mann als Nackedei, Doch kalt wie eine Marmorbüste bleibt ihm ihr Schauspiel einerlei.
Und wieder kann sie nichts erzwingen, seit dreißig Jahren geht das so. Bleibt nur die Hoffnung aufs Gelingen vielleicht ein bisschen anderswo.
Frau Meier schleicht zur Wohnung raus und klingelt bei der Nachbarin. die weilt zwar mittwochs außer Haus, doch sitzt ihr Ehemann noch drin.
Der nette Herr kennt seine Pflicht und lässt die Zeitung ungelesen. Was dann geschieht, bei Kerzenlicht... Na und? Da ist doch nichts gewesen!
Ist sie dann unbemerkt zurück, ganz lieb, in aufgeräumter Frische, bereitet sie Herrn Meier Glück - mit einem Bier am Küchentische.
C = aboreas 2004
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Bei Meiers - 3
Jahre später
Es ist, mal wieder, Sonntagmorgen in reifen Jahren ohne Sorgen, als etwas sich verändern sollte, obwohl es niemand wirklich wollte.
Frau Meier, die, in Küchenschürze, den Braten wälzt in Flüssigwürze, wird plötzlich unbehaglich, weil ihr Mann nicht ruft, er sei jetzt geil.
Schon viele Tage geht das so, kein Kuss, kein Streicheln übern Po, kein Drang, das Prachtstück vorzuzeigen, nur schlaffes, seelenloses Schweigen.
Frau Meier ist ganz durcheinander. Und während filetierter Zander am Abend in der Pfanne brät, erscheint der Nachbar - und verrät:
Gewartet habe er die Nächte, gefragt, wo sie die Zeit verbrächte... “Daheim!“, erklärt sie ungehemmt - „weil meinem Liebsten etwas klemmt.“
Da kratzt der Nachbar sich am Ohr, rät zur Massage, noch bevor ihr Mann sich dran gewöhnen kann, und bietet ihr ein Training an.
Sie willigt ein, übt nach dem Putzen zuallererst den Mund zu nutzen. Und denkt bei dieser Raffinesse: „Das ist, als ob ich Schaschlik esse...“
Frau Meier dankt für all die Güte und sie beschließt, tief im Gemüte, nach Wochen voller Übungsstunden zur Tat zu schreiten, unumwunden.
Sie schlüpft am Sonntag in den Kittel -Gewohnheit ist ja auch ein Mittel -, dann drückt und rubbelt sie und presst und reibt und zieht - behutsam, fest.
Herr Meier denkt sich, als er spürt, dass diese Kur zum Ziele führt: „Warum hat sie es unterlassen, mich früher schon so anzufassen?”
Danach gönnt er sich einen Schnaps, bedenkt die Frau mit einem Klaps. Frau Meier strahlt, trinkt Apfelsaft, zum Wohl - der guten Nachbarschaft.
C = aboreas 2004
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Reife
Einst schuf ein fleißiger Poet ein Werk, das jedermann versteht. Er sah den Menschen ins Gemüt, wo alles grünt und duftend blüht.
Er horchte tief ins Selbst hinein Und filterte den schönen Schein. Er suchte stets den letzten Sinn Bis weit zurück zum Anbeginn.
Gewitzt und voller Phantasie in schnörkelloser Poesie, stets locker, ernsthaft und behende gelang ihm Großes ohne Ende.
Ob traurig oder feurig, spritzig, verzagend oder drängend, hitzig, stets förderte die Stimmungslage das nächste Wort, die nächste Frage.
Gefühl, das war ihm Elixier nicht nur gedichtet auf Papier. Es schenkte ihm die Gunst des Weibes und er genoss den Schrei des Leibes.
Bald saß er oben auf dem Gipfel und überblickte höchste Wipfel, ließ sich umwehen von den Düften des Empfindens in den Lüften.
Genüsslich nahm er Witterung. Da spürte er Verbitterung. Gekitzelt ließ er sich drauf ein und schmeckte sie wie guten Wein.
Ein Duft, so zuckerwattenbitter, der dann entsteht, wenn ein Gewitter zwar lautstark blitzt und kracht und klingt, nicht aber die Entspannung bringt.
Er hat zuviel davon genossen und wurde durch und durch verdrossen. Die Verse fanden keinen Sinn, die Selbstgewissheit war dahin.
Der Abstieg von den Tempelhöhen im Dunkel wüster Seelenböen ließ den Poeten dumpf begreifen: So wie ein Vers - muss auch der Dichter reifen.
C = aboreas 1996
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Angebot und Nachfrage
Wenn eine Aktie emittiert, versammeln sich die Geldgewandten. Wenn ein Gerücht das Maul passiert, dann grüßen sich die Denunzianten.
Die einen fragen nach Bilanzen, nach dem, was die Geschäfte stört. Die andern lauern wie die Wanzen auf den, der zum Gerücht gehört.
Sind Börsenkurse schlicht notiert, für jedermann leicht einzusehen, ist die Verleumdung ziseliert oft nur im Dunkeln zu verstehen.
Der Aktionär erlöst Gewinn, den Kursanstieg, die Dividende. Dem Denunzianten steckt was drin, es kitzelt ihn in Hals und Lende.
Sie mögen grundverschieden sein, doch folgen sie den Marktgesetzen: Ihr Wert stellt sich durch Bieten ein, ja, auch beim nachgefragten Petzen.
© aboreas, 2003
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