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dass es Fredo geschmeckt hatte. Und doch horchte seine Liebste nervös auf. Denn die kleine, quetschige Unstimmigkeit war nicht zu überhören gewesen.
Da würde noch etwas nachkommen, wusste sie, etwas richtig Gescheites. Sie tippte auf die Idee für eine neue, befreiende Attacke an der Jobfront. Eine Aussicht, die Hoffnung machte.
Doch vorerst geschah allein etwas im Fernsehen, wo ein taufrischer Tatort spielte. Plötzlich, zu fortgeschrittener Zeit, hob Fredo das linke Handgelenk, schaute auf das Ziffernblatt seiner Uhr. „Oha, der Mörder ist in der Nähe“, sagte er. Frida schreckte verängstigt auf. „Wo?” Fredo zeigte auf die Mattscheibe.” Zischend ließ Frida ihre Anspannung durch die Lippen entweichen. Im Fernsehenwaren waren ihr die Spitzbuben am liebsten.“
Wie an jedem Sonntag nahm Fredo den Hausmacher-Krimi nur halbherzig wahr. Was ihn wirklich interessierte, war die Sendung mit der Maus. So jedenfalls bezeichnete er Sabine Christiansens wöchentlichen Polittalk. Sehr zum Ärger seiner Frau übrigens. Denn Frida hätte es gern gehabt, selbst Maus gerufen zu werden. In diesen Sekunden aber war ihr diese Sehnsucht fern. Mit allergrößter Anteilnahme starrte sie auf die finalen Bemühungen der Kommissare.
Fredo riss ungeduldig eine Tafel Schokolade auf: Sprengel Orange. Nicht langer, da wurde der Täter gefasst und abgeführt. „Sie haben den Mörder“, rief Frida vergnügt. Fredo hatte das Krimi-Finale mit weniger Interesse verfolgt. Immer die gleiche Show, dachte er und sprang auf, eine leere Videokassette in den Schlitz des Recorders zu schieben.
Ein Druck mit dem Daumen und schon wurde die elegantbeinige Christiansen aufgezeichnet. Für später, zum Nachzappen. Dabei ging es Fredo weniger um seine geschätzte Politmaus, sondern um die hochkarätigen Politiker und Wirtschaftsgewaltigen, die in der Sendung das Wort ergriffen.
Von diesen Gewinnern, die es immerhin auf einen vollwertigen Arbeitsplatz geschafft hatten, erhoffte sich Fredo die entscheidende Anregung. Wenn nicht heute Abend, so doch morgen oder übermorgen. Dann nämlich würde er die Sendung ein zweites Mal anschauen.
Heute stand mal wieder die steigende Arbeitslosigkeit zur Debatte. Fredo nahm seine häusliche Habachtstellung ein. Doch dann, oh Gott, was war denn das für eine Gäste-Zusammenstellung? Hatte Fredo die falsche Kassette eingelegt? Und hatte er versehendlich auf den Abspielknopf gedrückt? Er flitzte zum Recorder. Entwarnung! Alles in bester Ordnung.
Doch die Empörung regte sich jetzt erst recht. „Wir werden betrogen!“, schimpfte Fredo und griff zum Telefon. Nur wenige Sekunden später beschwerte er sich über die Sendung mit der Maus, die er schon einmal gesehen zu haben glaubte. Die Dame am anderen Ende der Leitung versicherte ihm, dass die Sendung mit der Maus gar nicht ausgestrahlt werde. Zurzeit sei Sabine Christiansen dran. „Ja, aber darum geht es doch“, brüllte Fredo, „ eine olle Kamelle!“ „Wer? Was?“ Fredo wiederholte: „Die Sendung mit der Maus!“ Die unmittelbare Dialogbereitschaft der freundlichen Dame vom Fernsehen brach für einen kurzen Moment zusammen. Dann versicherte sie, dass die Sendung brandneu sei. Nur die Gäste seien eben manchmal die alten.
Nicht lange und Fredos Zorn lebte erneut auf. Denn nicht nur die Gäste waren dieselben, nein, wie es schien, auch ihre Argumente. Die Arbeitslosen sollten Ideen entwickeln, selbstständiger werden, die Initiative ergreifen, sich zum Dienstleister aufschwingen, vor allem: sich bescheiden und noch einmal und noch einmal bescheiden. Ja aber, was tat denn Fredo seit vielen Jahren? Er war verzweifelt. Wieder nichts Konkretes. Und jetzt schwätzten sie auch noch von weit entfernten Lebenswelten: Ein Industrieboss wies mit feuchten, verklärten Augen auf die Niedriglöhne in Asien hin. Fredo winkte ab. Was nützten ihm die Niedriglöhne in Asien hier in Hamburg bei der Suche nach einem Arbeitsplatz?
Doch dann, wie aus dem Nichts, fiel ein Wort, das in Fredos Gehirn eine Kettenreaktion auslösen sollte. Es hieß „Rikscha“. Auch für ihn war das Ziehen einer Rikscha schon einmal ein Thema gewesen. Doch hatte er feststellen müssen, dass die Kraft nicht mehr reichen wollte. Dennoch hielt ihn der Nachhall dieses schönen Wortes gefangen. Wie von Magie gesteuert, verband sich das Gefährt mit der Vorstellung von einem Supermarkt. Bingo!! Rikscha, das war es, immer noch. Eine neue alte Variante war geboren.
Frida, die gerade ein Gläschen feinsten Perlwein servierte, hielt die Luft an. Der dünne Schweißfilm auf Nase und Stirn ihres Liebsten zeugte von heftiger Bewegung unter seiner aufsteigenden Schädeldecke. Die Treusorgende griff nach einem Tuch. Behutsam tupfte sie dem Kopfarbeiter die Nasenpartie trocken. Fredo ließ es geschehen.
Der Vorgang dauerte knappe fünf Minuten, dann blickte eine geniale Idee in die bescheidene Welt der Dulsberger Zweizimmer-Wohnung. „Es ist soweit“, entfuhr es Fredo, „morgen gründe ich eine Ich-AG.“ Endlich war es heraus. „Du willst dich selbständig machen? Aber dafür braucht man doch eine Fabrik.“ Geduldig erklärte Fredo seiner Frau die Ich-AG und seinen Plan. Ein Transportunternehmen wolle er aufbauen, mit Bedacht, anfangs bescheiden, später aber ganz groß herauskommen. Frida staunte, hielt die gespreizten Finger vor dem Mund. „Mein Fredo!“, stammelte sie, „ein richtiger Unternehmer!“ Dann fehlten ihr die Worte. Jedenfalls solche, die wohl jeder Mensch jetzt sagen würde. Dazu gehört: Ich wusste immer, dass wir es schaffen werden, oder: Fredo, ich werde dich immer lieb haben, auch wenn du ein waschechter Kapitalist werden solltest.
Wie immer, wenn ein Entschluss gefasst worden war, ging Fredo sofort ans Werk. Seit vielen Jahren ärgerte er sich über einen alten Kinderwagen, der den Kellergang versperrte. Einmal geklingelt bei der allwissenden Frau Hornung aus Parterre, schon war die Herkunft des Kinderwagens geklärt. Fredo bot an, ihn zu entsorgen. Was für ein Glück. Der Eigentümer des Gefährts bedankte sich mit einem Zehner, den er dem Hilfreichen in die Jackentasche steckte.
Fredo schob den ovalen, noch gut erhaltenen Wagen in den eigenen Kellerverschlag. Nach kurzer Suche hielt er zwei hölzerne Teppichleisten in der Hand. Ruckzuck waren sie waagerecht an die Seitenflächen montiert, verlängerten den Wagen um einen knappen Meter.
***
Wie gut, dass Fredo regelmäßig die Umgegend erkundete. Dabei hatten er schon öfter vor einem Ziegenhof angehalten. Dorthin marschierte er strammen Schrittes. Ob man die Tiere ausleihen könne, wollte er fragen.
So sauschlau wie Fredo von Natur aus war, so ging er ans Werk. Er würde das Tier für einen Kindergeburtstag benötigen, behauptete er. Groß war seine Furcht, dass ein kommerzieller Zweck die Ausleihkosten hätte verdoppeln können. Es folgte die Ernüchterung. Der Ziegenhalter verlangte einen Einheitspreis. Und zur Sicherheit der Kindergeburtstagsgäste wollte er sogar mitgemietet werden.
Darauf war Fredo nicht vorbereitet. Noch hatte die Arbeitsagentur kein grünes Licht gegeben. Noch fehlte das große Geld. „Aber mein Herr“, sagte Fredo, „ich will das Tier erst einmal nur ein wenig ausführen, ihm die Gegend zeigen, damit es sich nicht fürchtet in der Fremde.” Auch habe er vor, seiner Frau eine Überraschung zu bereiten. Eindringlich bestand Fredo darauf, das Tier am heutigen Tage allein mitzunehmen.
Lange Minuten stand der Ziegenhalter inmitten seiner Herde und musterte Fredo eindringlich. Vielleicht war er gerade klamm und brauchte jeden Cent, vielleicht fand er auch nur Gefallen an Fredos Sturheit. Jedenfalls lenkte der Ziegenhalter ein. „Vorausgesetzt“, so forderte er jedoch, „dass Sie..?“ Fredo lupfte seinen Hut. „Gestatten, Fredo Fruchtiger.“ „…dass Sie, Herr Fruchtiger, im Voraus bezahlen. Außerdem muss ich Ihren Personalausweis verlangen. Und drittens erwarte ich, dass Sie sich von mir unterrichten lassen im korrekten Umgang mit einer Ziege.“ Fredo willigte ein.
Nur eine halbe Stunde später spazierte er mit einem schon etwas betagten Tier abseits der Hauptstraßen davon. Das Fell der Ziege hatte eine gelbliche Maserung. Einem Postautos ähnlich, was Fredo sehr treffend fand. Schließlich galten seine Bemühungen ja dem Ziel, ein Transportunternehmen zu gründen.
Frida hielt ein kleines Mittagsschläfchen, als es an der Tür schellte. Nachdem sie den Summer betätigt hatte, spürte sie, dass irgendetwas nicht war wie sonst. Wo blieben Fredos gleichmäßige Schritte, mit denen er die Treppe zu ersteigen pflegte? Stattdessen waren Schleifgeräusche zu hören und eine scheppernd ins Schloss fallende Haustür. Frida kräuselte die Stirn. War Fredo krank? So hatte er noch nie geschnauft. Plötzlich wurde im Erdgeschoss eine Tür aufgerissen. Es folgte ein gellender Schrei. Unverkennbar: Frau Hornung.
In diesem Augenblick begann in der Küche der Wasserkessel zu pfeifen. Frida lehnte die Wohnungstür an und suchte die Küche auf, um Pfefferminztee zu kochen. Es wurde Zeit, denn das Getränk sollte bis zum Abendbrot abgekühlt sein. Zurück auf dem Flur, bemerkte sie verwundert, dass Fredo noch immer nicht da war. Plötzlich schwang die Wohnungstür auf. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor, ihren geliebten Gatten zu begrüßen. Doch was ihr da unter die Augen kam, ließ sie ungläubig erstarren. Eine leibhaftige Ziege. Angst und Nervosität tanzten in den Augen des Tieres. Erst jetzt bemerkte Frida die Leine, die den Hals umschloss. Sie führte straff zu Fredos Hand. Frida wich zurück und suchte Schutz in der Küche, deren Tür sie von innen verriegelte.
Erst Fredos Drohung, seine vierbeinige Freundin ins Wohnzimmer einzuquartieren, veranlasste Frida, die Küchentür zu öffnen. Fredo griff nach einer Möhre, die von der Ziege anstandslos verputzt wurde. Der Möhrenvorrat ging schon zur Neige, als er endlich fertig war, seinen Plan zu erläutern. „Wenn alles gut geht, werde ich das Tier später sogar erwerben“, schloss er. „Aber es wird nicht bei uns wohnen!“, stellte Frida klar. „Soll es auch nicht“, versprach Fredo und versicherte, einen Stall anzumieten. „Mal sehen, vielleicht kann ich den Hauswirt überreden, auf den langweiligen Vorgarten zu verzichten.“
***
Fredo kippte einen frisch gebrühten Kaffee in sich hinein. Anschließend bat er Frida mitzukommen. Die folgte unwillig; eigentlich nur, um sicher zu gehen, dass die Ziege auch wirklich die Wohnung verließ. Das unruhige Tier an der Leine haltend, beobachtete sie, wie Fredo den am Vormittag umgebauten Kinderwagen aus dem Keller holte. Donnerwetter! Da hatte der Bastler mal wieder ganze Arbeit geleistet. Der Stolz auf das handwerkliche Geschick ihres Liebsten ließ Frida gleich weniger grimmig ausschauen. Nur die sensationsgierigen Gesichter an den Fenstern des Hochhauses hielten ihren Zorn auf Fredo und die Ziege am Leben, wenn auch auf Sparflamme.
Um die peinliche Vorstellung für die gaffenden Nachbarn rasch zu beenden, ging Frida ihrem Liebsten zur Hand. Denn allein wollte es Fredo nur schwerlich gelingen, das widerspenstige Tier vor den Wagen zu spannen. Als es endlich zwischen den beiden starren Holzleisten steckte, riss und bockte es und trat aus. Dabei schnappte es unentwegt nach seinem Peiniger. Da der Wagen dabei demoliert zu werden drohte, sah sich Fredo gezwungen, das Tier zu befreien und an einen Baum zu binden.
Nun war guter Rat teuer. Wie sollte er einem Vierbeiner verständlich machen, dass er nicht vorhatte, ihm ein Leid anzutun? Hm! Sein Augenmerk galt Frida. Der wurde ganz unbehaglich unter den bohrenden Blicken. „Wir müssen dem Vieh zeigen, was wir wollen“, sagte Fredo. Die ahnungslose Frida nickte beipflichtend mit dem Kopf. Fredo setzte sein freundlichstes Lächeln auf und säuselte: „Weißt du eigentlich, mein Täubchen, wie sehr ich dich lieb habe?“ Frida wurde misstrauisch, zögerte mit einer Antwort. „Komm in meine Arme, mein Herzelchen“, lockte Fredo. Da begannen Fridas Augen zu leuchten. Er hatte Herzelchen gesagt. Wie sollte sie da noch anders können. Schwungvoll warf sie sich in seine Arme.
Während sie so inmitten der Rasenfläche des Vorgartens standen, genoss Frida das sanfte Streicheln trotz des dicken Mantels. Tief versunken in der unerwarteten Zärtlichkeit, hörte sie Fredo plötzlich fragen, ob sie bereit sei, ihm zu helfen auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft. Ein tiefes, seelenvolles Ja war ihre Antwort.
Darauf hatte Fredo gewartet. Er wusste, dass Frida zu ihrem Wort stehen würde. Dennoch ging er auf Nummer Sicher. „Komm, mein Herzelchen“, schmeichelte er. Dann dirigierte er die Überrumpelte zu seinem umgebauten Kinderwagen. Schon stand Frida zwischen den Leisten. Blitzschnell legte Fredo das Geschirr an. „Hüh!“, schnalzte er und dirigierte das Gespann geradewegs an der Ziege vorbei. Die schien durchaus interessiert. Jedenfalls verlor sie den Wagen nicht aus ihren listigen Augen. „Sieh es dir genau an“, sagte Fredo zu dem bärtigen Vieh, „so geht das.“ Dann setzte er Frida in Trab. Sie protestierte erst, als Fredo einen Galopp forderte.
Irgendwann wurden zwei Fenster geöffnet und anhaltend Beifall geklatscht. Frida genierte sich. Fredo hatte ein Einsehen. Schweren Herzens spannte er seine Frau aus. Doch die Ziege wollte noch immer nicht gehorchen. Da, einer Intuition folgend, war es Frida, die die Initiative ergriff und das Tier zum Wagen führte. Und siehe an: Alle Anweisungen wurden befolgt. Fredo jubelte, reckte trotzig die Fäuste gegen die Schaulustigen an den Fenstern.
Er holte eine alte Prinz-Heinrich-Mütze aus dem Wagen und zog sie korrekt über seinen Kopf. Über dem Blendschutz war ein Papierstreifen befestigt, worauf stand: „Fredos Fahrdienst.“ Das Fuhrwerk überquerte die nahe Hauptstraße. Dann ging es auf geradem Weg zur Eilbeker Filiale der Hamburger Arbeitsagentur. Der Jobvermittler würde Augen machen, frohlockte Fredo.
Fridas Wangen glühten von der Geschwindigkeit, mit der die Ziege den langen Weg zurückgelegt hatte. Und so war sie heilfroh, endlich angelangt zu sein. Doch noch stand ein Hindernis bevor. Unerbittlich verlangte Fredo von der Ziege, die fünf Stufen zum Eingang nehmen. Es war Fridas guter Zurede zu verdanken, dass das Tier dem Ansinnen folgte, ja sogar vor der weit geöffneten Flügeltür nicht Halt machte. Augenblicklich füllten die spitzen Schreie der Rezeptionsdamen das Foyer. Dem unvermeidbaren Menschenauflauf folgten die Ordnungskräfte.
So sehr Fredo auch aufs Gegenteil drängte, die Wachleute bestanden auf das Entfernen des Tieres. Fredo erklärte, dass er eine Logistik-AG für Ich-Einkünfte gründen wolle und gekommen sei, den Beweis dafür anzutreten. Das hörte sich wichtig an und verunsicherte die Ordnungskräfte. Dann erschien ein hochrangiger Jobberater. Er stellte klar, dass man keine Ausnahme machen dürfe. Sonst, so der Berater, würde es hier morgen nur so von Elefanten, Nashörnern oder Kamelen wimmeln. Das war ein Argument, dem sich auch der eifrigste Jobsucher nicht entziehen konnte. Fredo schirrte die Ziege aus und ließ sie von Frida nach draußen führen.
Der Herr von der Arbeitsagentur begutachtete den umgebauten Kinderwagen. „Auf der Straße dürfen sie damit aber nicht fahren“, mahnte er. „Das weiß ich selbst“, entgegnete Fredo unwirsch und stellte klar, dass er nicht zum Verkehrsunterricht gekommen sei. Der Jobvermittler zuckte mit den Augenlidern und erklärte in einem weniger ruhigem Tonfall: „Am einfachsten wäre es, wenn Sie den Wagen selbst zögen, so wie ein Rikscha-Fahrer.“ Auch dieser Rat missfiel dem zukünftigen Ich-AG-Inhaber. „Ich bin ein Transportunternehmen“, sagte er, „kein Taxi.“ „Ach so, jetzt verstehe ich“, antwortete der Arbeitsberater. Auf seinem Gesicht lag der breite, wenn auch versteckte Ausdruck einer Gemütsbewegung. Sie war von genau jener Art, die den stolzen Fredo Zeit seines Lebens bis auf Blut gereizt hatte.
Den Kopf gesenkt wie ein angestochener Stier, drohte er Fahrt aufzunehmen. Der Arbeitsberater ahnte Schlimmes. Abwehrend stellte er die Handflächen auf. „Mein Herr“, begann er einzulenken, „ich will ihr Gefährt gerne einer genaueren Prüfung unterziehen.“ Fredo hob den Kopf. „Okay“, antwortet er, „gehen wir vor die Tür, dann zeige ich Ihnen, wie mein Ziegenexpress in Schwung kommt.“ „Nun ja, äh, wo soll es denn hingehen?“ „Wie wäre es mit Feinkost Aldi?“ „J-J-Ja, durchaus! Das geht in Ordnung“, willigte der Jobberater ein. Er habe ohnehin noch etwas zu besorgen. Da könne man das Notwendige mit der leidigen Pflicht verknüpfen.
Frida, als sie ihren Fredo in Begleitung des Jobberaters ankommen sah, dirigierte die Ziege zwischen die Leitstangen des Wagens. Das Tier trabte los. Fredo marschierte nebenher und pfiff ein flottes Liedchen. Bald waren sie angekommen auf dem Parkplatz vor den erleuchteten Fenstern, in denen das berühmte Aldi-Logo prangte.
Während der Jobvermittler den Laden aufsuchte, seine Einkäufe zu erledigen, bugsierte Frida das Ziegengefährt in einen toten Winkel neben der Eingangstür. Die Kunden, die allesamt gut bepackte Einkaufswagen vor sich her schoben, staunten nicht schlecht über das merkwürdige Pärchen mit der Ziege vor einem umgebauten Kinderwagen. Herbeigeeilte Kinder wollten das Tier füttern. Fredo hatte nichts dagegen. Sie gehörten zu Eltern, ihre Eltern gehörten zu einem Einkaufswagen und dessen Inhalt war ein potentieller Auftrag.
Fredo gehörte zu der Sorte Mensch, die nichts dem Zufall überlassen mag. Er könnte die Zeit des Wartens auf den Jobvermittler für eine Übung nutzen, überlegte er. Die Wahl fiel ihm nicht schwer. „Hallo“, sprach er eine schon betagte Kundin an, „darf ich Sie fragen, ob Sie bereit wären, Ihre Einkäufe von mir und meinem Wagen nach Hause bringen zu lassen?“ Die Dame hob abwehrend den Arm, an dem ihr Einkaufskorb hing. „Nein“, antwortete sie, „ich habe doch nichts weiter als ein Netz mit Orangen und zwei kleinen Kohlrabis dabei.“
Die Dame irrte. Zwar besaß sie Orangen, doch jetzt nicht mehr zwei, sondern nur noch einen Kohlrabi. Der andere steckte zwischen den Zähnen der Ziege. Während die Dame erschrak, machte das Tier einen durchaus wohlwollenden Eindruck. Dabei gelang es ihm jedoch nicht, sein listiges Schielen auf den zweiten Kohlrabi zu verbergen. Blitzschnell griff Frida nach dem Halsband und stoppte die Vorwärtsbewegung der hungrigen Ziege.
Fredo entschuldigte sich bei der Dame und zückte sein Portmonee, um den Schaden zu begleichen. „Nichts da“, schimpfte die Alte, „wie komme ich dazu, mich ein zweites Mal anzustellen an der Kasse.“ Sie zeigte mit dem Finger auf Fredo und verlangte, dass er den Kohlrabi kaufe. Nein, schoss es Fredo durch den Kopf, ich muss bei meiner Ziege bleiben. Schließlich bürge ich für sie.
Frida hatte wohl das Gleiche gedacht. Denn ohne ein Wort zu verlieren, eilte sie in den Verkaufsraum. Kaum war sie außer Sicht, bekam die Ziege Sehnsucht nach ihrer Freundin. Meckernd bäumte sich das Tier auf. Ein Tritt, ein Ruck, dann flitzte sie mitsamt dem Wagen durch die gerade geöffnete Tür. Dort kollidierte sie prompt mit dem Drehkreuz. Ein Sprung, ein Knirschen, dann steckte der Wagen zwischen den metallenen Gittern fest. Die Ziege freilich folgte Frida bis zum Gemüsestand.
In der festen Überzeugung, dass endlich Essenszeit sei, vergaß das Tier alle Freundschaft und machte sich meckernd und schmatzend über das ausgestellte Gemüse her. Frida war machtlos. Auch die tatkräftige Hilfe des Geschäftsführers konnte die Ziege nicht unter Kontrolle bringen. Kreuz und quer flitzte sie durch den Laden, immer mal wieder nach einer Leckerei schnappend. Da kam unerwartete Hilfe. Der Jobvermittler, erprobt im Umgang mit enttäuschten und renitenten Kunden, schaffte es tatsächlich, die Ziege zu besänftigen.
Zu allem Unglück war er es, der die Ziege im Schwitzkasten hielt. Vielleicht hätte er mit Fredo schimpfen oder einfach die schützende Nähe des Filialleiters suchen müssen. So jedoch landete auch er schnurstracks auf dem nächsten Polizeirevier. Und da er keinen Ausweis dabei hatte, war es einem Agentur-Boss vorbehalten, ihn abzuholen. Als der Berufsberater endlich gehen durfte, vergaß er nicht, dem vermeintlichen Ich-AG-Gründer einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Fredo verstand die Botschaft: So würde es bestimmt nichts werden mit dem Transportunternehmen.
Zurückgeblieben auf der Wache flehte und bat Fredo um Nachsicht, reklamierte seine Unbescholtenheit. Es war vergebliche Mühe. Der Aldi-Filialleiter bestand auf einer Anzeige. Und zu allem Unglück benachrichtigte die Polizei auch noch den Ziegenbesitzer. Der berechnete zusätzliche Kosten für das Abholen seines Tieres. Erst dann durften Fredo und Frida den Heimweg antreten. Das heißt: Frida ging nicht einfach an Fredos Seite, sie wurde geführt, eingeschirrt vor dem umgebauten Kinderwagen.
Das niederschmetternde Ende des Bemühens zur Gründung einer Ich-AG sollte Fredo noch viele Tage beschäftigen. In dieser Zeit stieg seine Bewunderung für das freie Unternehmertum mächtig an. Denn für Fredo stand außer Zweifel, dass die Politprominenz und die Wirtschaftsgewaltigen mindestens genauso große Problem hatten überwinden müssen. War nicht auch bei Sabine Christiansen schon einmal die Rede gewesen von den ungeheuren Hürden und Schikanen für Existenzgründer?
Vielleicht, so mutmaßte Fredo, hatte ihm ja das Schicksal einen Wink geben wollen. Vielleicht war die Ziege wirklich nicht die beste Lösung. Während all dieser Überlegungen saugte sich sein untrüglicher Blick immer wieder an Fridas kräftigen Schenkeln fest. Und nachts träumte er von ihrem eleganten Trab beim fröhlichen Ziehen des umgebauten Kinderwagens. Warum nur? Das herauszufinden, sollte er noch viele, viele dunkle Nächte mit ergebnislosem Grübeln verbringen.
© aboreas, März 2005
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