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... und ein bisschen Satire

 

Aus dem Leben eines
I d e a l i s t e n

Verehrte Webseiten-Besucher, liebe Leser, seit Ende des Jahres 2010 habe ich, Rüdiger N. Aboreas, das 60. Lebensjahr erreicht. Ich denke, dass es da erlaubt sein sollte, schon einmal Rückschau zu halten. Nein, nicht in einer strengen zeitlich geordneten Biografie, sondern ungeordnet, je nach Laune und Intuition.Hier mal ein Bröckchen, dort mal ein Becherlein. Es Lesen sie weiter.

 Folge 3 - Harzer Impression.

Noch bis 26. November: JEDERMANN; Gemeinschaftsausstellung von dulsArt im Rahmen der Dulsberger Herbstlese. Über 30 Besucher der Vernissage zollten mehr als Anerkennung  Mehr Info.

KulturStammtisch:
24.11., I9:00, dulsArt

einladung zur Buchvorstellung: “SPÄTLESE - Kurzgeschichten.” Eine bunte Mischung aus Beiträgen auf der gleichnamigen Leseveranstaltung im Barmbeker Kulturpunkt. Ort: Barmbek/Basch. 25. November 2011 um 20:00 Uhr. Moderation: Wolfgang A. Gogolin.    Mehr Info !

Drei Kurzgeschichten.
und ein Nachwort

Taschenbuch, 108 S. 6.90 Euro.
ISBN 3-9810113-0-9

Textproben

1. Dübelsbarg

Wie an jedem Tag stand Josef, der alte Hofknecht, nicht weit von der Scheune entfernt und prüfte den Himmel über Barmbek, einem kleinen Dorf unweit von Hamburg. Tief sog der Fünfzigjährige die würzige Frühsommerluft ein und genoss die unverletzte Stille des anbrechenden Tages - irgendwann zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Einige Meilen voraus stieg gerade die Sonne wie ein kreisrundes Feuer den Dübelsbarg hinauf. Dieser verdammte Berg, dachte Josef. Dabei galt sein Unmut weniger dem Teufel, der dort sein Unwesen treiben sollte, sondern mehr der außergewöhnlichen Hitze, die den Berg auch in kühleren Sommern heimsuchte. Eine Hitze, von der seine Umgebung nie verschont blieb. Dort, in erdiger Randlage, wartete der zum Hof gehörende Gemüseacker. Denn es war hohe Zeit, die letzten Saaten auszubringen. Eine Arbeit, die Vorbereitungen erforderte und die allerspätestens in der kommenden Woche abgeschlossen sein sollte. Mit Grauen dachte Josef an seinen Rücken, der noch vorgestern so mächtig geschmerzt hatte von der anstrengenden Feldarbeit. Bis in die Nacht hinein wurde er geschüttelt von Krämpfen.

Josef spähte hinüber zum Wirtschaftsgebäude. Er lauschte, suchte nach einem Schatten, einem Geruch, irgendetwas Verräterischem, das auf die Nähe der Bäuerin hätte hinweisen können. Doch nur das gelegentliche Scharren und Schnaufen aus den erwachenden Ställen, dann das Krähen der drei Hähne war zu hören. Gut so, dachte Josef. Geräuschlos schlich er um die Scheune herum. Auf der Rückseite stand der aus Brettern gezimmerte Hühnerstall. Josef blickte sich nochmals um. Er öffnete die Tür, schlüpfte hinein, griff in das erstbeste Nest, dann in ein anderes und verließ das Federvieh so rasch, wie er gekommen war. Jetzt, mit dem Rücken an der Scheune stehend, drückte er die Schale ein und schlürfte gierig die rohen Eier aus. Sie wappneten gegen die drohenden Rückenschmerzen. Schließlich halfen sie gegen die meisten der bekannten Alltagsbeschwerden. Davon war er überzeugt. Das hatte schon seine Mutter versichert und vorher seine Großmutter. Und überhaupt: das wusste doch jeder. Nur die verdammte Bäuerin wehrte sich vehement, dieses Geheimrezept zu akzeptieren. Steif und fest behauptete sie, dass die Eier auf dem Markt nützlicher wären, denn dort brächten sie Geld in die schmale Bauernkasse. Bah! Geld! Allein das war ihr Heil.

Josef zertrat die leeren Eierschalen, vermischte die Überbleibsel mit der lehmigen Erde. Mit den Füßen verteilte er die Mischung zwischen den umliegenden Sträuchern. Die Hühner würden die Schalenreste finden und den Kalk als nützlichen Leckerbissen aufpicken. Plötzlich hörte er ein fröhliches Pfeifen, das sich von der Rückseite der Scheune näherte. Oh je! Lieselotte, das einzige Kind der Bäuerin. Josef griff nach einer Harke, die er für solche Fälle bereitstehen hatte. Hastig begann er damit zu hantieren.

Gleich darauf erschien die junge Frau. Der alte Knecht beobachtete die dunkelhaarige Schönheit, die ihre zwei langen Zöpfe stets auf dem Rücken trug. Er mochte die 20-jährige Bauerntochter, die schon in frühester Kindheit mit Friedrich, seinem Sohn, auf dem Hof gespielt hatte. Josef wusste: Die beiden trafen sich auch heute, allerdings heimlich, irgendwo zwischen den Dörfern Barmbek und dem größeren Wandsbek, wo Friedrich als Knecht arbeitete. Josef vermutete, dass die beiden eine Liebschaft verband. Doch war es für ihn nicht vorstellbar, die hübsche Liselotte eines Tages zur Schwiegertochter zu bekommen. Denn durch die Heirat würde Friedrich zum Bauern werden. Josef schüttelte unmerklich den Kopf. Nein, nicht solange die alte Bäuerin am Leben war. Die tobsüchtige Stute war viel zu eingebildet, suchte schon seit Langem nach etwas Besserem für ihre Liselotte.

Josef stellte die Harke beiseite, grüßte die Tochter seiner Herrin höflich. Die beantwortete die Förmlichkeit mit einem Augenzwinkern. „Na, schon so früh am Arbeiten? Bewachst wohl die Hühner..?“ „Man kann ja nie wissen“, log Josef, „ich habe gestern die Spur eines Fuchses gesehen.“ Wieder zwinkerte Liselotte mit den Augen, als sie mit heller Stimme sagte: „Ei, ei, ein Fuchs..! Wie viele Beine hat er denn gehabt, der Rote, vier oder zwei?“ Sie lachte und öffnete die Tür zum Hühnerstall. Wenig später kam sie mit drei randvoll gefüllten Körben heraus. „Sie haben fleißig gelegt, unsere Hennen. Da wird Mutter sich freuen.“          

Hinter der Stirnseite des Hühnerstalls, schon außer Sicht, rief sie mit gedämpfter Stimme: „Wenn es dir recht ist, nehme ich dich zum Gemüseacker mit.“ Josef folgte ihr um die Ecke. „Aber dein Weg führt doch auf den Hamburger Markt.“ Liselotte legte den Kopf auf die Seite, presste nachdenklich die Lippen aufeinander, dann sagte sie lächelnd: „Eigentlich schon, aber ich gönne mir heute einen Umweg über Wandsbek. Da kommt es auf das bisschen Fahrt zum Dübelsbarg auch nicht mehr an.“ „Aber...“ „Kein Aber!“ Ihre Stimme bekam einen festen Tonfall: „Warte eine Meile östlich auf mich, an der Biegung. Mama muss nicht alles wissen.“

Auf einen Spaten gestützt und mit einem kleinen Proviantsack über der Schulter wartete Josef geduldig an der verabredeten Biegung. Bald schon kam Liselotte angefahren. Sie hatte ihr Lieblingspferd, das sie liebevoll Ilsele rief, vor den Wagen gespannt. Josef schüttelte missbilligend den Kopf. Das bleiche Viech war eigensinnig und faul. Warum musste Liselotte ausgerechnet heute, da sie einen Umweg machen wollte, dieses Pferd einspannen? „Du wirst lange brauchen mit Ilsele“, sagte Josef, als er auf dem Kutschbock Platz nahm. „Das macht nichts. So haben wir viel Zeit, miteinander zu reden.“„Reden? Worüber?“ „Über mich - über dich - und - über Friedrich.“ Josef wurde unruhig. Aha! Daher wehte der Wind. Liselotte räusperte sich. „Du weißt bestimmt, dass Friedrich und ich ein Paar sind.“ Davon wusste Josef offiziell nichts. Er bevorzugte die inoffizielle Variante. Mit Liselottes Erklärung aber war die Angelegenheit heraus. Es war nicht mehr möglich, sich zu entziehen. „Nun ja, ich hatte so eine gewisse Vermutung“, antwortete er. „Nun ja“, äffte Liselotte ihn nach, um dann kurz und bündig fortzufahren: „Lass uns nicht um den heißen Brei herumreden, Friedrich und ich  m ü s s e n heiraten.“ Josef verschlug es die Sprache. Er schnappte nach Luft. Seine Nerven zuckten. Eine Unruhe, die sich steigerte zu einem Hin-und-her-geworfen-werden, ganz so, als rumpelte der Wagen über steinigen Grund. Ob die beiden verrückt wären, wollte er fragen, von allen guten Geistern verlassen? Dass die Bäuerin toben würde, dass sie Friedrich vor den Richter bringen würde, wollte er ausrufen. Doch seine Stimme hatte sich im Hals verkeilt.

(...........)

 

3. Dulsberger Aphrodite

Für Tarantello, einem engen Mitarbeiter des Teufels, war der Brief ohne Bedeutung. Er trug weder einen Absender noch ein Siegel, auch keinen Stempel für Dringlichkeit. Nichts wies auf eine wichtige Persönlichkeit hin. Allein das Wort Dulsberg stand in großen Lettern quer über dem Umschlag geschrieben. Irgendein alberner Streit mit der Petrus-Behörde, vermutete Tarantello. Dennoch hatte er das Kuvert unverzüglich zugestellt. Persönlich, so wie es sich gehörte.

Dass sein Chef dem Schriftstück eine weit größere Bedeutung beimaß, ja dass er die Nachricht geradezu verschlang und dabei zusehends unruhiger wurde, bereitete Tarantello tiefes Unbehagen. Ein Missgefühl, das in Abständen von wenigen Sekunden rhythmisch anschwoll. Ach, würde Luzifer ihn doch jetzt hinausschicken. Eine rasche Drehung und Tarantello hätte sich in Luft aufgelöst. Doch verharrte er in diesem kreisrunden Büro stramm vor dem mächtigen stählernen Schreibtisch, der die Mitte des gleichfalls metallisch ausgekleideten Raumes markierte.

Tarantello wurde warm unter den gepolsterten Schultern seines hellblauen Anzugs. Eine Kleidung, die ihn dem Hofstaat zugehörend auswies. Er besaß den Rang eines offiziellen Beraters und Diskutanten. Während das Gros der Sünder stets schluchzend und lamentierend im Höllenfeuer schmorte, hatte er die ihm aufgebürdeten Jahre still gelitten. Gleichwohl: Große Worte waren auch zu Lebzeiten seine Sache nie gewesen. Eine Eigenschaft, die dem Herrn der Hölle offenbar gut gefallen hatte. Dass Tarantello gerade wegen seiner angeborenen Schweigsamkeit eine rechte Beraternatur sei, soll Luzifer schon frühzeitig mit einem Augenzwinkern angemerkt haben.

Auch dass Tarantello zu keiner Zeit seines irdischen Lebens Verwandte, Freunde oder Kameraden hintergangen hatte, war zum Faktor für seine Beförderung geworden. Denn - so merkwürdig es klingen mag - der Herr der Hölle verabscheute jede Form von Verrat und Denunziantentum zutiefst. Darin war er sich übrigens mit Dante Alighieri einig, der in der Göttlichen Komödie für die Verräter den fürchterlichsten, den am tiefsten gelegenen Ort, den neunten Kreis der Hölle erdacht hatte. Eine kluge, ja eine erstaunliche Schrift, pflegte Luzifer stets zu sagen, wenn die Rede darauf kam. Auch hatte er schon mehrmals öffentlich bedauert, den verehrten Dante nicht persönlich kennen gelernt zu haben. Damals, nach dessen Ableben im Jahre 1321. Aber der Höllische wusste nur zu genau, dass es zwecklos war, sich bei Petrus zu beschweren. Die Besten hatte der Himmelspförtner schon immer für sich behalten.

Bei aller Anerkennung für die anständig gebliebenen Sünder blieb Tarantello ein Nichts gegen einen Dante Alighieri. Den berühmten Meister des genialen Verses hätte Luzifer bestimmt nicht so lange stramm sehen lassen. Tarantello seufzte laut auf. Dafür traf ihn der missfallende Blick seines obersten Chefs. Noch so einen Seufzer, und Tarantello hätte eine empfindliche Strafe einstecken müssen. In seiner Not seufzte er fortan nur noch heimlich, bei geschlossenem Mund in sich hinein. Dabei fragte er sich, was Luzifer nur so über alle Maßen beschäftigen mochte? Was konnte es an finster Bedrückendem geben, das den Herrn der Untiefen binnen weniger Minuten aus dem Gleichgewicht brachte? Da, unübersehbar, schwoll dessen Aufregung sogar noch an. Schlimmste Zeichen kündeten von einem Wutausbruch. In diesem Zustand war Luzifer unberechenbar. Alles in Tarantello drängte danach, in Deckung zu gehen. Der noch immer stramm Stehende begann vor Furcht zu zittern. Die goldenen Knöpfe an seinem feinen Jackett tanzten Hiphop.

Dann geschah, was er selbst in seinen Alpträumen nicht zu befürchten gewagt hätte. Wie in Zeitlupe, so begannen die stolzen Hörner des Höllengebieters zu schuppen. Hatten sie eben noch matt und harmlos im kalten Licht der Chefetage geschimmert, so glichen sie jetzt der schorfigen Kopfhaut eines gemeinen Erdenmenschen. Schon hoben sich kleine, weißgräuliche Erhebungen von den Spitzen ab. Tarantello wich zurück. Er wusste: Schlimmer konnte es nicht kommen. Sein Chef, der sich gerade vom Schreibtisch erhob, war jetzt die diabolische Unberechenbarkeit schlechthin.

Der Teufel, der wünschte, mit dem Namen Luzifer gerufen zu werden, war eigentlich ein umgänglicher Chef. Doch in einem solchen Zustand hatte er seine engsten Mitarbeiter schon mehrmals für Stunden oder Tage ins Feuer werfen lassen. In diesen Augenblicken ähnelte er jenen altertümlichen Despoten, die die Überbringer schlechter Nachrichten dafür hatten büßen lassen. Nun, die schlimmste aller Torturen, das Pfählen, blieb einem hier unten erspart, schließlich war man schon einmal gestorben, wenn auch als gemeiner Erdensünder, der die Hölle verdient hatte.

Mit großen, verängstigten Augen beobachtete der Berater und Diskutant, wie sein Chef den Schreibtisch umschritt. Gefährlich leuchteten die matten Schuppen auf den hitzigen Hörner, den drohenden Flecken eines Fliegenpilzes gleich. Wie würde der Herr des Bösen reagieren? Würde er es dabei belassen, Tarantello anzubrüllen? Oder würde er im schlimmsten Fall den Wachdienst rufen, ihn abführen zu lassen?

Doch Luzifer tat nichts dergleichen. Er öffnete die Arme, um seinen Adjutanten gönnerhaft bei den Schultern zu fassen. „Gut gemacht“, sagte er und fügte hinzu: „Wichtige und ganz persönliche Nachrichten soll man nie auf Halde legen.“ Puh, alles noch einmal gut gegangen. Tarantellos Furcht entlud sich in einem entspannten Seufzer. Diesmal zeigte sich Luzifer amüsiert. „Spar dir die Luft, sonst verlierst du die Haltung und klappst zusammen.“ Tarantello lächelte gequält. Beflissen nickte er mit dem Kopf.

Luzifer zeigte auf ein Ölgemälde, das eingerahmt neben der Tür hing. Tarantello folgte dem Hinweis. Die Abbildung schien ihm ohne Belang. Ein farbloser Erdenhügel, Bäume, ein sandiger Weg, im Vordergrund Äcker und Entwässerungsgräben, eine Allerweltslandschaft also. Der Berater und Diskutant hatte sich schon mehr als einmal gefragt, warum der kunstverständige Höllengebieter ein so profanes Werk zwischen all den großartigen Bildern an den Wänden seines Büros duldete. Ein Prachtberg wie der Mont Blanc hätte dazu gepasst. Sogar den Harzer Brocken hätte man durchgehen lassen können. Aber diesen Hügel..? „Nun“, sagte Luzifer, „hast du dich nie gefragt, warum ich dieses Gemälde bevorzuge?“ Tarantello erschrak. Um Himmels willen, jetzt nur nicht die wahren Gedanken ausplaudern. „Nun ja, wenn ich offen sein darf..?“ „Bitte!“ Tarantello machte ein ernstes Gesicht. Umständlich fuhr er fort: „Es ist bislang meine Vermutung gewesen, dass der Herr so etwas wie ein Fenster an seiner Wand haben möchte, eines, das die Sinne mit der Schlichtheit des irdischen Lebens erfreut.“ Als Tarantello bemerkte, wie die Miene des Hornträgers unzufrieden zuckte, fügte er eiligst hinzu: „Ich habe damit sagen wollen, dass der kunstsinnige Betrachter nicht selten gerade in der Schlichtheit seine Erfüllung findet.“

Die Antwort war anhaltendes Schweigen. Waren die Worte angekommen, hatten sie dem Meister Freude bereitet? Tarantello wagte einen Blick auf dessen Hörner. Begannen sie sich zu normalisieren? Doch - oh je! Gütiger Gott, die stolz aufragenden Insignien dampften geradezu vor Erregung. Schuppen fielen wie feiner Hagel zu Boden. Das ist das Ende, dachte Tarantello und erwartete das Schlimmste.

(...............)

 

Drei Kurzgeschichten.
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