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Frida und Fredo

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... und ein bisschen Satire

 

Aus dem Leben eines
I d e a l i s t e n

Verehrte Webseiten-Besucher, liebe Leser, seit Ende des Jahres 2010 habe ich, Rüdiger N. Aboreas, das 60. Lebensjahr erreicht. Ich denke, dass es da erlaubt sein sollte, schon einmal Rückschau zu halten. Nein, nicht in einer strengen zeitlich geordneten Biografie, sondern ungeordnet, je nach Laune und Intuition.Hier mal ein Bröckchen, dort mal ein Becherlein. Es Lesen sie weiter.

 Folge 3 - Harzer Impression.

Ölbilder, Aquarelle, Raku-Keramik - Horst Stockdreher lädt ein zur Vernissage am 2. De- zember 2011 um 20:00 Uhr in die Galerie DulsArt. Werkstattgespräch am 7. 12. um 19:00 Uhr

KulturStammtisch:
8. 12., I9:00, dulsArt

Der Dulsberg lebt auf und feiert die    E R Ö F F N U N G des café dulsBerg Straßburger Platz 9 - 22049 Hamburg am 1. Dezember, 11:00 Uhr.

Der Mond leuchtete fast waagerecht zum Fenster herein. Im Schein seiner ganzen rumpeligen Größe ließ er zwei schlaflose Augen aufblitzen. Sie gehörten zu Fredo, der müde und gequält am Fenster stand und Ausschau hielt nach irgendetwas, das geeignet wäre, ihn zu trösten. Denn eine schlaflose Nacht be- deutete für einen Zeitungsausträger so etwas wie Höchststrafe. Er

Frida und Fredo.

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Kuschelterror

Fortsetzung:

würde nicht nur den frühmorgendlichen Job, sondern auch den Rest des Tages in mürrischer Zerschlagenheit verbringen müssen. Furchtbar! Es war aber nicht diese Aussicht, die Fredo heute so besonders bedrückte, nein, schuld war der eigentliche Grund für die Schlaflosigkeit, nämlich das winterliche Klima. Genauer: diese elende, nicht mehr zu leugnende Kälte, die mit dem Mondlicht sogar die isolierverglaste Scheibe des Küchenfensters mühelos zu durchdringen schien. Fredo wusste nur zu gut: Anhaltende Kälte im Spätherbst verhieß nichts Gutes.

Dem Schlaflosen fröstelte. Er machte Licht und schaute auf den Kalender. Heute war Donnerstag, der 30. November. Auch der Wetterbericht konnte ihn nicht beruhigen. Es würde kalt bleiben. Einige Tage noch, angereichert mit sportlichen Durchhalteparolen, solange würde er Frida hinhalten können, dann würde sie die Heizung einschalten, ohne Wenn und Aber. An die Konsequenz wagte Fredo gar nicht zu denken. Ein nasser Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn. Selbst übelster Mundgeruch würde Frida nicht davon abhalten, ihren Bauch, ihren Hintern, ihre Schenkel und Füße an ihm zu reiben. Kraulen würde Fredo sie müssen, streicheln, kitzeln, kratzen und beißen und das über die ganze Nacht. Was für eine Tortur!

Hm, überlegte der Verängstigte, man könnte doch von Herzschmerzen geplagt werden, von einer Rippenprellung, von Übelkeit und Blähungen? Nein, keine Chance, selbst bei dem fettigsten Kohltopf als Ursache würde bei Frida nicht mehr als ein Aufschub von wenigen Minuten herausspringen. Eine Leberzirrhose? Frida würde ihn zum Arzt befehlen und ein Attest verlangen. Verdammt, sie lebte für diese eine Nacht, die Kuschelnacht, auf die sie sich freute wie Bolle, 12 ganze Monate lang, Jahr für Jahr. Fredo wischte sich mit dem Ärmel die Schweißtropfen von der Stirn. w

Da erklang das fiese Piepen des Weckers. 4.00 Uhr, Zeit für das Tagewerk. „Fredo, Fredo, wo bist Du?“, hörte er eine verstörte Frida aus dem Schlafzimmer rufen. „Hier!“, schallte es aus der Küche zurück, „ich bereite den Kaffee.“ Frida kam herein. „Das ist aber lieb von dir“, sagte sie und drückte ihrem Liebsten einen trockenen Schmatz auf die geschlossenen Lippen. Fredo spürte ihren prallen Busen, umfasste für einen kurzen, prüfenden Moment ihre noch immer spürbaren Hüften.

Eine Geste, die Frida überraschte, aber nicht schreckte. Im Gegenteil, es war Herbst, also Zeit für die Zweisamkeit. Und überhaupt: viel zu selten, genau genommen überhaupt nicht…, nein, nicht mal darüber nachdenken mochte Frida. Scheel wagte sie einen Blick auf das Thermometer: 16 Grad, in der Küche. Also 10 Grad wärmer als außerhalb der Mauern. Dafür waren die Niedermeiers unter ihnen verantwortlich, von denen bekannt war, dass sie heizten, als begänne morgen eine neue Eiszeit. Einesteils ganz vorteilhaft für Frida und Fredo, wegen der Energiekosten, andererseits nachteilig für Frida, die jedes Jahr um diese Zeit auf eine rasche Abkühlung der Wohnung hoffte. Denn ab 12 Grad abwärts müsste Fredo die Heizung einschalten. So war es zum Zeitpunkt der Eheschließung beschlossen worden, darauf bestand Frida. Mehr noch: danach sehnte sie sich. Denn auf diesen Tag hatte eine feierliche Nacht zu folgen: die so sehnsüchtig erwartete jährliche Kuschelnacht nämlich. 

Fredo, der über gut trainierte Augenwinkel verfügte, beobachtete genau, mit welcher Intensität Frida das Thermometer beäugte. Kaum dass sie für einen Augenblick die Küche verließ, ging er auf Nummer sicher und haucht dem Messgerät neues Leben ein. Mit einem diabolischen Lächeln im Gesicht beobachtete er das Klettern des Quecksilbers.

Als beide endlich das Haus verließen, hellte sich Fridas Miene auf. Tief sog sie die feuchtkühle Novemberluft ein, rieb die Hände aneinander. „Uh, ist das kalt“, stellte sie fest und strahlte Fredo an wie eine Halogenlampe. Fredo blieb der aufgehellte, erwartungssichere Klang ihrer Stimme nicht verborgen, was ihm Unbehagen bereitete. An der U-Bahn-Haltestelle tauchte Frida in den Untergrund ab. Während sie zum Putzen in die Schnapsfabrik fuhr, spazierte Fredo grübeln durch die Hamburger Nacht, erreichte den Grossisten um punktgenau 5.00 Uhr, begann mit dem Verladen der Morgenzeitungen auf einen bereit stehenden Handwagen. 

Wenige Stunden später, zurück von ihrem Putzjob, genoss Frida das gemeinsame Frühstück, das Fredo bereitet hatte. Er stocherte mit dem Messer in der Marmelade herum. Anstatt der sonst üblichen drei aß er heute nur ein Brötchen. Auch den Kaffee ließ er kalt werden. Heiß wurde dem Grübelnden allein im Kopf, da seine Neuronen glühten. Impuls für Impuls trieb die Furcht vor der drohenden Herbststrapaze immer neue Ausreden durch Fredos Schädel. Heimlich musterte er die ihm gegenüber genüsslich Frühstückende und seufzte lautlos. Fiel das Thermometer, müsste er bis in die frühen Morgenstunden hinein an Frida herumarbeiten, und zwar hoch konzentriert, denn Frida war anspruchsvoll. Doch als größte Folter hatte Fredo es stets empfunden, dass in dieser besagten Nacht jeder Anflug von wahrhaftigem Sex verboten war. Dabei war es ihm noch nie gelungen, den unerwünschten Erregungszustand zu vermeiden. Und das nach 35 Jahren glücklichem Ehestand. 

Hoch zu Berge standen ihm die Haare bei dem Gedanken an ihren Widerstand gegen die Natürlichkeit seines Triebes. Kaltes Wasser, Handkantenschläge, überraschenden Kneifen in den wehrlosen Hintern, Frida schreckte vor nichts zurück. Einmal hatte sie ihm sogar eine stramme Windel um den Unterleib geschnürt. Und dazu in einem fort dieses beleidigte Gemecker über die natürlichste und vermutlich sogar gesündeste Erregung unseres Erdkreises.

Als Fredo am Nachmittag die Wetterkarte der Tageszeitung studierte, glaubte er, seine Nerven schössen vom höchsten Punkt einer Achterbahn die Abfahrt hinunter. Die Voraussagen zeigten in gerader Linie nach unten. Ihm wurde schwindlig. Elf Grad, 9 Grad, 6 und schließlich 3 Grad. Gott im Himmel, 3 Grad waren wirklich zu wenig. Fredo wusste: Gegen einen solchen Wintereinbruch würden selbst die Niedermeiers nicht anheizen können, jedenfalls nicht zur hinreichenden Erwärmung der Wohnung über ihnen. Der Taschenkalender war untrügerisch. Spätestens Freitagnacht würde das Küchenthermometer die Kuschelmarke unterschreiten. Und ausgerechnet am folgenden Morgen würde Fredo die dicke Samstagszeitung austragen müssen. In einer übermüdeten, gänzlich erschöpften Verfassung womöglich, seelisch wie körperlich. Fredo fühlte sich wie in der Todeszelle. Wo, bitte schön, konnte man um Gnade betteln? 

Entgegen seiner Gewohnheiten verließ Fredo gegen 16.00 Uhr, noch vor der täglichen Einnahme seiner Magnesium-Sprudeltablette, die Wohnung. Er fühlte sich einsam, allein gelassen mit der jährlichen Kuschelbedrohung. Ziellos ließ er sich durch den Wandsbeker Eichtalpark treiben. Nicht lange und er erreichte ein großes öffentliches Schachfeld, über das kluge Männer hüfthohe Figuren schoben. Fredo gesellte sich ins Publikum, verfolgte den Kampf zweier Türme gegen eine einsame Dame. Tief in seinem Herzen wünschte er den Türmen den Sieg.

Da bemerkte Fredo Herrn Niedermeier, den Power-Heizer aus der Etage unter der eigenen Wohnung. Der Nachbar stand etwas abseits unter dem ausladenden Ast eines gewaltigen Ahorns und schien das Schachspiel mit großem Interesse zu verfolgen, was Fredo verwunderte. Woher nahm ein solcher Wärmefanatiker den kühlen Verstand  für das Spiel der Denker und Strategen? Fredos Herz klopfte. Sollte er den Nachbarn ansprechen, ihm zureden, die Heizung bis zum Äußersten hochzufahren? Fredo verwarf den Gedanken. Nein, nein, das geht doch nicht… Am Ende würde womöglich in der ganzen Siedlung über seine, Fredos, Ehe getuschelt. Denkbar auch, dass der Niedermeier sich ausgenutzt fühlte und sich veranlasst sähe, die gewohnte Heizleistung zu reduzieren. 

So in Gedanken vertieft, ohne Sinn mehr für das Schachspiel oder die leuchtenden Herbstfarben in den Bäumen und auf den Wiesen, bemerkte Fredo die Begrüßung durch den Nachbarn erst durch dessen unmittelbare Gegenwart. „Hallo, Herr Nachbar“, sagte der. Fredo erwiderte den Gruß. Gemeinsam nun verfolgten sie die ausgeglichenen Partie, schwiegen, hüstelten, schielten sich über die Augenwinkel an, nuschelten einsilbige Kommentare zum Schachspiel.

War es nicht ein Wink des Schicksals, den Herrn Niedermeier an seiner Seite zu haben. Müsste er, Fredo, jetzt nicht die Initiative ergreifen und den Nachbarn anfeuern, die Gasvorräte des Erdkreises zu verbrauchen, auf das die Wärme im Hause bliebe und Frida in ihrer Nachtwäsche?

Während Fredo unschlüssig das Standbein wechselte, wurde er von Herrn Niedermeier angestoßen. Fredo blickte in das seltsam schuldbewusste Gesicht seines Nachbarn. „ Fredo“, sagte der in vertraulichem Tonfall, „schon seit Jahren wollte ich dich um Nachsicht bitten.“ „Sie? Mich? Um Nachsicht? Fredo war ehrlich irritiert. „Ja“, versicherte Niedermeier, „und zwar für meine Heizwut.“ Dann erklärte der Schuldbewusste: „Da Ihr direkt über mir wohnt, fürchte ich schon seit langem, dass ihr schier verrückt werden müsstet vor Wärme, selbst im September, wenn ich volle Pulle loslege.“ Fredo erstarrte, nicht nur wegen des überraschenden Anliegens, sonder auch wegen der Vertraulichkeit. Hatte man sich jemals das Du angeboten? Hm, vielleicht in irgendeiner Silvesternacht, als man sich bierselig vor der Haustür begegnet war. Hm, wie hießt der Herr Niedermeier noch mit Vornamen? Vor allem aber: Was hatte sein Anliegen eigentlich zu bedeuten? Was faselte der von Wärme, von der Bitte um Nachsicht…

Fredo, geistesgegenwärtig, entgegnete: „Mein Freund und Nachbar, ich muss schon sagen, du heizt ja wirklich kräftig ein, eine verdammte Wärme ist das, die da täglich zu uns aufsteigt. Da kommt man wirklich mächtig ins Schwitzen.“ Herr Niedermeier fasste sich an den Kopf. „O je, wie kann ich das nur wieder gutmachen…“ Fredo zeigte sich gönnerhaft. „Vielleicht sollte man mal in Ruhe darüber reden.“ Er sah sich um. „Aber nicht hier an diesem Ort. Die Ohren um uns herum sind viel zu weit geöffnet.“

Kurz darauf, munter plaudernd über so allerlei Belangloses, betraten sie ein Lokal in der viel befahrenen Walddörfer Straße. Als Fredo am Tresen zwei Pils bestellte, hatte er seine Sinne bereits gesammelt und geordnet. Keine halbe Stunde war es her, dass er bereit gewesen wäre, dem Nachbarn einen Heizkostenzuschuss anzubieten. Nun sah er sich gezwungen, einen Weg zu finden, ihn zu ermuntern, einfach weiter zu heizen, ja, wenn es ihm gefiele, sogar noch draufzulegen. Großzügig orderte Fredo ein zweites Pils. Herr Niedermeier spendierte einen Korn dazu. Der rasch aufsteigende Alkoholpegel weitete nicht nur die Arterien und die Pupillen, die sich längst an die rassige Tresenbedienung geheftet hatten, sondern auch die Schleusen zum Innersten. So, das eigentliche Anliegen aufgreifend, vertraute der Nachbar Fredo an, dass seine enormen Heizanstrengungen einen ganz profanen Grund hätten, nämlich die Anschmiegsamkeit seiner Frau, der strohig blondierten Frau Niedermeier, die im Wohnblock ganz allgemein als fescher Feger galt.          

Fredo kratzte sich hinterm Ohr. Wie es schien, war der Niggemeier eine Art Leidensgefährte. Doch warum heizte er mit demselben Ziel, welches Fredo zwang, aufs Heizen zu verzichten? Herr Niedermeier spielte nervös mit dem leeren Schnapsglas, als er Fredo zuraunte: „Die geile Nuss, äh, so nenne ich meine Frau, also meine geile Nuss lässt keine Gelegenheit aus, mich zu bekuscheln. Dann drückt sie an mir herum und reibt mir die Haut wund und sabbert mir über den Rücken und es dauert nicht lange, bis ich keine Luft mehr kriege und gradewegs zu ersticken drohe. Doch, unglaublich!, meine Erstickungsanfälle lassen sie kalt, sie sind ihr einfach wurscht. Und da sie bei jeder Gelegenheit zu frieren behauptet und von mir gewärmt und dann bekuschelt werden will, heize ich eben mit allem, was ich zur Verfügung habe, um sie in Schach zu halten.“

Fredo blickte in das leidig-hilflose Gesicht seines Nachbarn und empfand ehrliches Mitgefühl. Fast wäre ihm eine Träne gekommen. Dann erzählte er von seinem Schicksal, das zu ertragen zwei weitere Biere und zwei Schnäpse erforderte. In dem anschließenden Fachgespräch über die Psychologie der Frauen, vor allem aber über die dunklen Seiten des Kuschelgeschlechts stellten die Gepeinigten fest, dass sie Brüder im Geiste waren, als wären sie aus einem und demselben Stück Holz geschnitzt. Feierlich gelobten sie für den Augenblick und für die Zukunft zusammenzuarbeiten.

Nicht lange und die Leidensbrüder beruhigten sich zusehends. Ihre Stimmen galoppierten nicht mehr, sondern trabten entspannt dahin. Auch ihr Interesse wechselte von den Ehefrauen auf den unehelichen Typ vom Schlage einer 35-jährigen Blondine, der sie am liebsten erst an den Schenkeln, dann am Geschlecht knabbern wollten, um ihr daraufhin auf Mächtigste einen zu verplästern, bis die Bäume quietschen. Am Ende aber, wie bei den meisten deutschen Männern, strandete Ihr Interesse inmitten neuester internationaler Auto-Modelle. Besonders gefiel ihnen die neue C-Klasse von Mercedes, in der sie planten, ihren Frauen mit Höchstgeschwindigkeit wegzufahren. Doch wie so oft, wenn die Ideenbörse in die Höhe schnellt, fehlen sowohl die Mittel wie auch die Reputation, um solche Pläne realisieren zu können. Mit anderen Worten: auch Herr Niedermeier war arbeitslos, jobbte nur hier und da für schwarzes Geld, was ihm als Handwerker leicht fiel. Da war zwar guter Rat teuer, zum Glück aber nicht Fredos Ideen. Denn dem unbeugsamen Jobsucher sprudelten die Möglichkeiten, ‘ne gute Kasse zu machen, nur so zwischen den Lippen hervor.

Ob Bademeister, Oberförster oder Vorstandsvorsitzender, Fredo hatte für jeden Job eine Strategie. Doch welcher Job passte hier ins Konzept? „Wir gründen ein „Beratungszentrum für Kuschelgeschädigte“, wählte Herr Niedermeier aus. Fredo zeigte sich einverstanden, gab jedoch zu bedenken: „Wo Berater sind, müssen auch welche sein, die sich beraten lassen.“ „Davon gibt es sicher genug, oder glaubst Du etwa, dass wir allein sind auf dieser Welt.“ Geistesgegenwärtig wandte sich Fredo an die Dame hinter dem Tresen. „Was halten Sie von Kuscheln?“ Die Dame lachte. „Soll das ein Angebot sein?“ „Nein, eine Statistik.“ Man konnte der Tresendame ansehen, dass sie ihr Gehirn benutzte. „Eine Statistik ist die Ansammlung von Zahlen zum Zwecke einer Erkenntnis“, erklärte Fredo. Die Dame zeigte sich verärgert. „Glauben Sie, ich hätte noch nie eine Statistik gesehen?“ Sie hielt den Gästen eine Flasche Rum hin. „Sehen Sie die Zahl am Rand des Etiketts? Das ist eine Statistik, denn es handelt sich um eine Zahl, die besagt, dass dieser Rum 80 Promille hat. Daran erkenne ich, dass es verboten ist, dieses Getränk an solche Milchbubis wie Sie auszuschenken.“ Während Herr Niedermeier den Blick wie ein Radar kommentarlos auf ihre Brüste geheftet hielt, vermutete Fredo in ihrer Antwort eine Beleidigung. Und beleidigen lässt sich kein Fredo, auch keiner, der vielleicht 2 Promille im Blut hat. Er hob das Kinn und sagte: „Wenn das so ist, verlangen wir die Bierdeckelstatistik, damit wir wissen, was wir zu bezahlen haben.“ Nur unter Protest ließ sich Herr Niedermeier von Fredo aus dem Lokal zerren.

Die frühabendliche Herbstluft kühlte den Verstand der beiden Arbeitssuchenden rasch herunter. Die Gedanken fanden zurück zum Notwendigen. Und als notwendig erachteten sie zweierlei: „Kuscheln No! Arbeiten Ja!“ Da Herr Niedermeier über eine Garage aus besseren Zeiten verfügte und in Fredos Kellerverschlag ein funktionstüchtiger Propangas-Gasofen aus vergangenen Schrebergartenzeiten stand, brauchten sie über den Firmensitz ihres Antikuschelunternehmens keine Gedanken verschwenden.

Herr Niedermeier heizte, bis den Tapeten Flügel wuchsen. Und Fredo durchtänzelte gut gelaunt die Wohnung wie weiland Fred Astaire in den besten Jahren. Frida dagegen stampfte schon tags darauf voller Misstrauen in die nächstgelegene Karstadt-Filiale, um ein neues Thermometer zu kaufen. Frustrierend, dass auch dieses teure Stück unerwartet hohe Temperaturen anzeigte.         

Unterdessen hämmerten, schraubten und sägten die gestandenen Mannsbilder in Niedermeiers Garage an ihrem Unternehmen. Im geöffneten blechernen Tor stehend, betrachteten sie die Einrichtung ihres soeben fertig gestellten Büros: 1 Tisch, 1 Holzbank, 4 Sessel, eine Pritsche und ein Ofen. An den blau gestrichenen Wänden verrieten dunkle und rote Schriftzüge, für was die Anbieter standen: „Dauerkuscheln: No! Vorspiel: Ja!“ Eine andere Botschaft lautete: „Vorspiel ist gut, Koitus ist besser.“ Die Jungunternehmer nickten einverstanden mit dem Kopf und schlugen kräftig ein. An der Schlaufe ziehend, schloss Herr Niedermeier das Tor, auf dem jetzt in dicken eindeutigen Buchstaben der Firmenname sichtbar wurde: „Kuschelterror-Beratungszentrum“. Darunter der Hinweis: „Preis nach Vereinbarung.“ Ja, jetzt fehlten nur noch die Kunden. Darauf warteten die beiden Problemlöser neben dem Garagentor.

Der erste Interessent sollte nicht lange auf sich warten lassen. Mit den Handknöcheln schlug er gegen das Garagenblech. Ruck, zuck war Fredo heran. „Mein Herr“, sprach er den vermeintlichen Kunden an, „darf ich Sie ins Geschäft bitten…“ Schon hatte Herr Niedermeier das Tor geöffnet und den Ofen angeheizt. Dann saßen sie einander gegenüber, hier die Geschäftspartner, auf der anderen Seite der Interessent. Fredo blickte den Gast prüfend an, so dass der sich offensichtlich unwohl fühlte. „Sie werden von einer Frau terrorisiert?“, fragte Fredo mit Anteilnahme in der Stimme. „Von Ihrer eigenen Frau?“, ergänzte Herr Niedermeier. Der Interessent antwortete: „Eigentlich bin ich der Quartiermeister unserer Hausverwaltung und wundere mich sehr über die Zweckentfremdung dieser Garage. Darüber wird zu sprechen sein.“ Herr Niedermeier griff mit dem Zeigefinger von vorn in den Kragen seines Hemdes. Fredo legte herausfordernd den Kopf in den Nacken. Der Quartiermeister druckste, wandte sich an Fredo: „Wissen Sie, Garage hin, Garage her, genau genommen liegen Sie mit Ihrer Vermutung richtig. Ich werde tatsächlich terrorisiert. Sowie ich mit Streicheln und Kraulen aufhöre, wird meine Kleine knurrig.“ Fredo nickte Herrn Niedermeier zu, zischte: „Ungeheuerlich, so einen Fall haben wir ja noch nie gehabt.“ Der Quartiermeister, sichtlich froh, sein Unglück endlich einmal zur Sprache zu bringen, ergänzte: „Ja, manchmal schnappt das Vieh auch zu und bringt die ganze Nachbarschaft mit seinem Gebell auf.“ Plötzlich füllte etwas Unerklärliches die Luft in der Garage und raubte den Neuunternehmern die Sprache. Fredo sollte sie als Erster zurückfinden. „Was Sie soeben als Vieh bezeichnet haben, ist doch Ihre Frau, oder?“ „Wie kommen Sie denn darauf, meine Frau ist doch kein Vieh“, erboste sich der Quartiermeister, „ich spreche von meinem Dackel, einer Hündin.“ Da hüstelte Herr Niedermeier, der die ungute Entwicklung des Gesprächsverlaufs in verträgliche Bahnen lenken wollte. Er versicherte, dass es beim Streicheln sicher keinen Unterschied mache zwischen einer Frau und einem Dackel. Allein einen Pudel würde er für noch teuflischer als eine Frau halten. Die Antwort schien den Quartiermeister zu beruhigen. „Was raten Sie mir?“ Fredo und Herr Niedermeier warfen einander unklare, fragende Blicke zu. „Haben Sie es schon einmal mit Wärme versucht?“, antwortete Herr Niedermeier. „Oder mit Kälte?“, wollte Fredo wissen. „Kälte…, Wärme…, warum nicht, Sie sind ja schließlich Fachleute“, entgegnete der Quartiermeister und wirkte irgendwie erleichtert. „Und über die Garage werden wir uns demnächst unterhalten müssen“, rief er seinen Beratern zu. Dann eilte er mit großen Schritten davon.

Fredo, der gerade wiederholt darüber grübelt hatte, wie sein Nachbar, der Niedermeier, mit Vornamen hieß, wirkte bedrückt. Ausgerechnet der Quartiermeister musste sich hierher verirren. Hoffentlich würde das junge Unternehmen nicht seine Geschäftsräume verlieren. Herr Niedermeier freilich schien für kein Problem zugänglich zu sein. Der erste Kunde hatte erfolgreich beraten werden können. Das zählte. Wo blieb der nächste?

Der stand schon vor der Tür und sollte sich sogleich als Erwin vorstellen, allerdings mit Tränen in den Augen. Unvermittelt senkte er das Haupt, offenbarte schorfige, enthaarte Stellen inmitten gepflegter dunkelbrauner Haare. Mit einer gehörigen Portion Entsetzen in den Augen bat Fredo den gerade mal 1,50 Meter großen Kunden an den Tisch. Herr Niedermeier servierte ein Glas Wasser. „Ich bekomme Alkoholverbot und muss ganz allein die Toilette putzen, wenn ich nicht zu Diensten bin“, klagte Erwin. „Du liebe Güte, leben Sie mit einer Domina zusammen?“, fragte Egon. Herr Niedermeier wunderte sich: „Donnerwetter, die kuschelt aber heftig?“ „Wieso die?“, fragte Erwin, „mein Kuschler heißt Josef, den ich im übrigen sehr, sehr lieb habe.“ schwer atmete Erwin durch. „Wenn er nur nicht so oft bekuschelt werden wollte. Jeden, wirklich ausnahmslos jeden Tag verlangt er von mir eine halbe Stunde Eierkraulen, und wehe, es gefällt ihm nicht …“ Der kleine Mann senkte den Kopf, zeigte die Wunden und ergänzte: „Vor dem Frühstück, nach dem Frühstück, vor dem Mittagessen, nach …“ „Schon gut, schon gut, ich kann es mir denken“, wehrte Egon den Fortgang der Schilderung ab. Der barsche Ton verärgerte den Kunden. „Ich habe gehofft, wenigstens hier auf verständnisvolle Menschen zu treffen, echte Kerle, die bereit sind, einem wie mir zu helfen.“ Schon erhob sich der Enttäuschte von seinem Stuhl. Herr Niedermeier, ums Honorar fürchtend, drückte ihn mit sanfter Gewalt zurück auf die Sitzfläche. „Huch!“, machte der, zuckte zusammen, verdrehte panikartig die Augen und tat, was er reflexartig immer tat, wenn Stress im Verzug war. Mit der mechanischen Angst eines Traumatisierten suchte er Herrn Niedermeiers Geschlecht und begann mit einer unverlangten Massage. Herr Niedermeier stand wie erstarrt, Fredo nicht weniger. Er wollte helfen, war aber unschlüssig, weil die Signale allzu zwiespältig waren. Zwar zeigten Herrn Niedermeiers Pupillen alle Abwehr und Panik dieser Welt, doch um seinen Mundwinkeln tanzte ein genüssliches Zucken. Doch auch angesichts der noch freien, nicht weniger durchtrainiert aussehenden Hand des ungewöhnlichen Kunden hielt Fredo einen gebührenden Abstand.

So unerwartet, wie die Vorstellung begonnen hatte, so rasch sollte sie ein Ende finden. Denn plötzlich hielt Erwin inne. Fast schien es, als würde er aus einer Hypnose erwachen. Dann, wortlos, sprang er auf und ließ mit den trommelnden Beinen eines Hundertmeterläufers die Beratungsstelle hinter sich. Auch den kostenpflichtigen Rat, die Hände vor der nächsten Begegnung mit dem Geliebten in Eiswasser zu tauchen. Das hat er nun davon, dachte Egon nicht ohne Genugtuung, soll sich der Lohnpreller doch weiterhin die Haare ausreißen lassen. Die größte Sorge freilich bereitete ihm Herr Niedermeier. Der stand noch immer stumm da, sich schüttelnd und zuckend. Auf seine Pupillen hatte sich ein trüber, glasiger Schleier gelegt. Hm, nicht dass der Massierte sich noch umorientiert und neue Heizgewohnheiten einführt.

Nicht lange und die beiden Geschäftsleute standen zum wiederholten Mal vor der Garage und warteten auf Kundschaft. Da näherte sich ein schmaler, unscheinbarer Anzugträger von mittlerer Statur. Zu Egons Verwunderung verfiel Herrn Niedermeier angesichts des Herannahenden in heftige Nervosität. Fest griff der Geschäftspartner Egon an die Jacke, ihn durchs Tor in die Garage zu zerren. Zu spät. Der Anzugträger war herangekommen, hielt den Kopf ins Büro. Er bekreuzigte sich. „Danke, lieber Gott, dass Du mich erhört hast“, murmelte er, „hier bin ich richtig.“ Doch Herr Niedermeier wiegelte ab: „W-wir machen gerade Feierabend. Und ab morgen machen wir Urlaub und erst im nächsten Jahr machen wir weiter.“ „Wieso erst im nächsten Jahr?, fragte der Anzugträger. „Darum!“, antwortete Herr Niedermeier zweisilbig. Da sah sich Egon veranlasst einzugreifen. Zwei Kunden erst, von denen keiner bezahlt hat, und jetzt stand einer vor der Tür, der gut gekleidet war und ganz offenbar glücklich darüber schien,  hierher gefunden zu haben … Egon mochte es nicht glauben. So einen wollte der Niedermeier abwiegeln? Kam gar nicht in Frage. „Kommen Sie herein!“, bat er den Anzugträger.

Während Herr Niedermeier wie Espenlaub zitterte, war Egon die Ruhe selbst. Geduldig hörte er dem Kunden zu, hin und her gerissen von dessen Schilderungen. Der Mann hatte alles andere als ein friedfertiges Leben. Haue, Nötigung, Kuschelattacken und immer wieder Kuschelattacken. Diesem Kunden muss geholfen werden, befand Egon, und zwar ohne Wenn und Aber. Sein Rat: „Wenn weder Hitze noch Kälte nützen, dann löschen Sie doch einfach das Licht.“ Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt es doch im Volksmund. Der Kunde wehrte ab: „Aber meine Trude macht auch im Dunkeln, was sie will. Da bin ich chancenlos.“ „Dann laufen Sie doch einfach davon. Ja, schlafen Sie auswärts, zeigen sie der Matrone, was eine Harke ist.“ Plötzlich sackte der Kunde auf dem Stuhl zusammen. Seine Worte verloren jegliche Kontur. Mehr noch: Seine Lippen klapperten so rasch und so laut wie der Schnabelhub eines Spechts.  Merkwürdigerweise verstärkte sich im gleichen Maße Herr Niedermeiers Unruhe. Egon spürte: da lag etwas in der Luft. Die geriet tatsächlich in Bewegung und der Schatten eines Berges legte sich drohend auf die Wände der Garage. Egon ahnte: Etwas Außergewöhnliches geschah. Es war die Frau des ängstlichen Kunden. Zwei Zentner Fettgewebe und ein Zentner Muskelmasse. Eine Mischung, die wohl jedem Lebewesen des Erdkreises das Fürchten gelehrt hätte. Einem Herrn Niedermeier sowieso. Aber auch einem Fredo ...?

Der „unaufgebbare“ Zeitungsausträger sollte gar nicht erst die Gelegenheit bekommen, sich zu fürchten oder gar aufzugeben. Er glaubte sich an eine Lawine erinnert, als die Matrone über die Garage kam, nicht mehr als Trümmer und Zerstörung hinter sich lassend. Unbeschadet schien allein der Anzugträger die Aktion überstanden zu haben. Denn der saß auf den Schultern der Matrone und leckte und kraulte und massierte ihr hektisch den Hals und die Ohren.

Fredo, der sich das Knie richtete, brüllte: „Das saubere Pärchen hat vergessen zu bezahlen.“ Wild gestikulierend forderte er Herrn Niedermeier auf, dem Anzugträger und seinem Tsunami zu folgen. Doch der Nachbar winkte ab: „die Frau kenne ich, gegen die kommt keiner an.“ Murmelnd fügte er hinzu: Wenn die Kuscheln will, dann wird gekuschelt, egal ob im Frühjahr, Sommer, Herbst oder Winter.   

Lange standen die Besitzer des Kuschelterror-Beratungszentrums vor den Resten ihres Unternehmens. Da näherte sich der Quartiermeister. Er humpelte stark, drohte schon von Weitem mit erhobener Faust. „Oje, was hat der denn?“, fragte Fredo. Herr Niedermeier wich instinktiv einen Schritt zurück. „Mir reicht’s“, zischte er, „ich geh’ jetzt zu meiner Frau und stell die Heizung ab.“ Fredo zuckte zusammen. „Um Himmel willen!“ Schon war der Quartiermeister heran. „Da haben Sie mir ja etwas Schönes eingebrockt mit Ihren Ratschlägen. Angefallen hat er mich, der kleiner Dackel, als ich ihn in die Wanne mit den Eiswürfeln gesetzt habe. Von wegen, ich solle es mit Kälte versuchen.“ Plötzlich brach der Quartiermeister in Tränen aus. Und der Rat mit der Hitze hat auch nicht funktioniert. Vier Stunden hatte ich unsern Dackel stramm an den Heizkörper gefesselt. Jetzt ist das Tier wütender denn je und die Wohnung stinkt zum Gotterbarmen.“

Erst jetzt bemerkte der Quartiermeister den Zustand der Garage, deren Tor nur noch von einer Schraube gehalten wurde. Das Mauerwerk wurde von zwei langen Rissen durchzogen. Und drinnen das reinste Chaos. „Oh, oh“, sagte er, „mir scheint, da kommen Kosten auf Sie zu.“ Fredo und Herr Niedermeier warfen sich rasche, verstohlene Blicke zu. „Ich gehe jetzt zu meiner Frau“, sagte der Nachbar. Fredo versuchte erst gar nicht, ihn aufzuhalten. Unter den grimmig-schadenfrohen Augen des Quartiermeisters zog Fredo das Tor herunter. Nur unter größter Kraftanstrengung lies es sich schleifend und quietschend vor die Garagenöffnung bugsieren.

Frida wollte nicht wissen, wo er den ganzen lieben langen Tag verbracht hatte. Das wunderte Fredo. Doch sagte er nichts. Auch sein beharrliches Schweigen sollte seine Liebste nicht stören. Lange saßen sie in der Küche und lasen die Zeitung. Einem Stillleben nicht unähnlich. Doch gab es etwas, das sich bewegte, nämlich die Quecksilbersäule des Thermometers, das sich ganz langsam der 12 Grad-Marke näherte. Als der magische Punkt erreicht war, hob Frida das Haupt. Und Fredo sah in die ganze lustvolle Erwartung einer fordernden Frauenseele. Wie in Zeitlupe nickte er mit dem Kopf, stellte die Heizung an und suchte das Bad auf.

Allein die drohende Wasserpumpenzange und der bereit liegende Stichel auf Fridas Nachttisch ließen Fredo für einen Moment zögern. „Lieber Gott, bitte mach mich auf der Stelle impotent“, flehte er. Fredo sollte erhört werden. Denn erstmals in über zwanzig Jahren  Kuschelnacht konnte Frida auf Anti-Erektionswerkzeuge verzichten. Fredos Kampfhahn blieb im Stall und verhielt sich ruhig. Ein Umstand, der Frida durchaus aufgefallen war und der ihr die Freude über die genussreiche Nacht etwas eintrüben sollte. Noch während Fredos raue Zunge zum unzähligen Mal die Beine hinauf über die Pobacken und die Hüften die Schultern ansteuerte, beschloss die Glückselige für die übernächste Nacht, dem lahmenden Hähnchen ihres Liebsten neues Leben einhauchen und ihm für diesen Winter unbegrenzte Freiheit zu gewähren.  

© Rüdiger N. Aboreas, November 2007