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... und ein bisschen Satire

 

Aus dem Leben eines
I d e a l i s t e n

Verehrte Webseiten-Besucher, liebe Leser, seit Ende des Jahres 2010 habe ich, Rüdiger N. Aboreas, das 60. Lebensjahr erreicht. Ich denke, dass es da erlaubt sein sollte, schon einmal Rückschau zu halten. Nein, nicht in einer strengen zeitlich geordneten Biografie, sondern ungeordnet, je nach Laune und Intuition.Hier mal ein Bröckchen, dort mal ein Becherlein. Es Lesen sie weiter.

 Folge 3 - Harzer Impression.

Noch bis 26. November: JEDERMANN; Gemeinschaftsausstellung von dulsArt im Rahmen der Dulsberger Herbstlese. Über 30 Besucher der Vernissage zollten mehr als Anerkennung  Mehr Info.

KulturStammtisch:
24.11., I9:00, dulsArt

einladung zur Buchvorstellung: “SPÄTLESE - Kurzgeschichten.” Eine bunte Mischung aus Beiträgen auf der gleichnamigen Leseveranstaltung im Barmbeker Kulturpunkt. Ort: Barmbek/Basch. 25. November 2011 um 20:00 Uhr. Moderation: Wolfgang A. Gogolin.    Mehr Info !

Der Schwur vom Dulsberg
          
satirisch, grotesk, abgedreht

Fortsetzung:

Exklusiv! Neues vom Flüchter.     

Egon bricht aus

Es war 1.00 Uhr nachts. Wie von Geisterhand geführt, löste sich Egon Brausewitz von der Pritsche, schüttelte den Schlaf aus den Gliedern, prüfte seine Hosentaschen. Ja, es war noch alles drin. Dann wendete er seine Anstaltskleidung, deren Innenseite er geschwärzt hatte. Die Dunkelheit würde ihn verschlucken. Jedes Geräusch vemeidend zog er die Plakate von der Wand. Mit einem Lächeln betrachtete er die Fugen, die ihn hinauf zum Fenster tragen sollten. Oben auf dem Sims umwickelte er seine rechte Faust mit einem Kopfkissenbezug, den er wie einen Schal um den Hals getragen hatte. Dann schlug er die Scheibe ein. Der dumpfe Knall und das Klirren herabfallender Glassplitter ließen all seine Sinne hochfahren. Egon lauschte in die Dunkelheit der Gefängnisnacht hinein. Doch nur die zur Täuschung installierte Elektronik summte gleichmäßig und unbekümmert auf der anderen Seite des Fensters. Behände stieg er an dem metallenen Regal hinunter, auf dem die Lichtquelle stand. Alles weitere hing jetzt davon ab, ob die Tür verschlossen war. Behutsam drückte Egon auf die Klinke. Ein leichter Druck gegen die eiserne Tür brachte Gewissheit. Widerstandslos gab sie nach. Egon atmete auf. Seine Überlegungen hatten sich als richtig

erwiesen. Vorsichtig blinzelte er durch den Türspalt, suchte den Flur nach Wachposten ab. Fehlanzeige! In einem Kloster hätte es nicht friedlicher zugehen können. Mit dem Rücken an die Wand gedrückt, schlich er zu einem offenen Telefon, das den Vollzugsbeamten zur gefängnisinternen Verständigung diente, und wählte die Nummer der Einsatzzentrale. „Achtung! Achtung! Die Nummer 1, Superflüchter Brausewitz, ist geflohen. Achtung! Achtung! Flucht! Flucht!!“ Als Egon den Telefonhörer auflegte, lächelte er. Das waren Worte, die in den Ohren eines müden Wachmanns widerhallten wie das jüngste Gericht. Die Wachmannschaft, so dachte er, wird jetzt in Panik verfallen. Sie wird meine Zelle stürmen, um sich Gewissheit zu verschaffen. In schlimmster Verwirrung werden sie alles alarmieren, was sich alarmieren lässt: den Gefängnisdirektor, die Einsatztruppe der Polizei, die Kammerjäger der Gesundheitsbehörde, den Tierschutzverein und womöglich sogar die NATO. Eine wirkliche Gefahr jedoch sah Egon allein in Gefängnisdirektor Artur Festhalter.

In dieser Sekunde kamen die Vollzugsbeamten angestürmt. Weit voraus hallten ihre Schritte durch die unterirdischen Gänge. Metallgittertüren schepperten. Dann war ein vielmäuliges Schnaufen zu hören. Egon drückte sich hinter einen Mauervorsprung. Sämtliche Türen hinter sich offen lassend und nicht nach rechts oder links schauend, rannten 12 Vollzugsbeamte an ihm vorbei. Allesamt stürmten sie in die verlassene Zelle des Superflüchters. Geschrei und Wehklagen hallten durch die Kellergänge von Santa Fux: “Egon Brausewitz ist weg!” Es dauerte Minuten, bevor sie davon abließen, ihn unter dem Bett, hinter dem Stuhl oder in der Toilettenschüssel zu suchen. Ein ohrenbetäubendes Spektakel erhob sich. Doch niemand wusste, wo der Flüchtige war. Schließlich betätigte einer der Beamten den roten Alarmknopf. Dutzende von Sirenen jagten alles Lebendige aus dem Schlaf. Oben auf den Mauern flammten Suchscheinwerfer auf und übergossen das Gefängnisareal mit dem beißenden Licht der Häscher. Die Besatzung der Wachtürme wurde verdoppelt. Vollzugsbeamte schritten in Vierergruppen die Mauern ab.

Unterdessen hatte Egon das Durcheinander genutzt und sich im Rücken der Wachmänner durch die offen stehenden Gefängnistüren ins Freie geschlichen. Versteckt hielt er sich in der Nähe des Haupttores zwischen zwei Müllcontainern. Ihm war klar: Lange würde er sich hier nicht halten können, auch wenn er den Suchtrupps bislang hatte ausweichen können. Seine ganze Hoffnung setzte der Superflüchter auf Benno Brunstbock, den berühmten und berüchtigten Polizeichef. Egon sah zur Uhr. Wo, verdammt, blieb die Einsatztruppe?

Endlich! Aus der Ferne war ein schwaches Tatütata zu hören. Es wurde lauter und vielstimmiger. Das musste Brunstbock sein! Egon Brausewitz atmete auf. Mit quietschenden Reifen kamen die ersten Fahrzeuge vor dem Gefängnistor zum Stehen. Das Kreiseln des Blaulichts tanzte in der Luft über Santa Fux. Wo blieb das Chaos? Es musste kommen. Es musste! Es gehörte dazu. Egon hielt die Luft an. Die Geräusche der Fahrzeuge wurden lauter. Es wurden mehr und mehr. Dann geschah das von Egon vorausgesehene Unglück. Nachdrängende Fahrzeuge mit ehrgeizigen und ungestümen Fahrern am Steuer kamen nicht rechtzeitig zum Stehen, schoben und drückten die vorausfahrenden gegen den mittleren Torpfosten, der dem Druck nachgab. Plötzlich übertönte ein Knall die an- und abschwellenden Motorengeräusche. Der Pfosten riss aus der Verankerung. Mehrere Lkws verfingen sich an den Mauern, drehten sich, bäumten und türmten sich auf zu bizarren Gebilden. Der Druck der nachfolgenden Fahrzeuge verringerte sich erst, als Benno Brunstbock den Befehl erteilte, auch außerhalb der Mauern Stellung zu beziehen. Insgesamt hielten sich jetzt 300 Polizisten innerhalb und 300 Polizisten außerhalb der Mauern von Santa Fux auf. Wie aufgescheuchte Hühner liefen sie zwischen ihren demolierten, teils schrottreifen Fahrzeugen herum. Allein Polizeichef Benno Brunstbock thronte ungeachtet der Blessuren von Mensch und Material in der ganzen Größe seiner vierschrötigen Statur auf dem vordersten Fahrzeug und brüllte seine Befehle über Hof und Mauern: „Absitzen! Sammeln! Angriff! Einfangen! Attacke! Attacke! Attacke!“

Benno Brunstbock war seit nunmehr zwei Jahren Polizeichef der Freien und Hansestadt Hamburg. Seitdem galt sein Name etwas. Er stand für Selbstlosigkeit, Gnadenlosigkeit, für Volldampf in allen Gassen, für genau jene Tugenden, nach denen sich die Bevölkerung sehnte. Sein Aufstieg war beispiellos. Eine Karriere, die sich schon in der Kindheit hatte ankündigen sollen, denn er war von Anfang an ein gnadenloser Jasager gewesen, was ihm auch die Beliebtheit der Klassenkameraden eingetragen hatte. Vor allem war es die Selbstlosigkeit gewesen, mit der klein Benno für seine Mitschüler eingetreten war, wenn es gegolten hatte, ihnen behilflich zu sein. Wie an jenem Tag, da dem Turnlehrer die Kleidung abhanden gekommen war. Um der drohenden Anzeige des wütenden Vorturners zu entgehen, hatten die Schüler kurzerhand eine Selbstanzeige verfasst, die sie ihrem Mitschüler Benno Brunstbock vorgelegt haben. Dieser hatte nicht eine Sekunde gezögert, sie zu unterschreiben, groß und deutlich, stolz wie Oskar darüber, dass es ohne ihn mal wieder nicht gehen würde. Um so verwirrter war er gewesen, als er zum Direktor bestellt wurde, die Kleidung des Turnlehrers herauszurücken.

Vielleicht waren es solche Erfahrungen, die ihn später so unerbittlich werden ließen. Sein Bedürfnis, anderen gefällig zu sein, besonders wenn es darum ging, seinen Namen unter ein Schriftstück zu setzen, sollte allerdings ungebrochen bleiben. So hatte seine Familie zeitweilig sehr gelitten unter seinen zahllosen Bestellungen bei Versandhäusern, den wöchentlich eintrudelnden Versicherungspolicen und Mitgliedschaften in Buchclubs und Vereinen. Später jedoch sollte diese Eigenschaft dem jungen, gewissenhaften Polizisten im Innendienst durchaus nützlich werden. So als ihm eines Tages eine Resolution gegen den damaligen Polizeipräsidenten vorgelegt wurde. Benno Brunstbock ließ sich nicht lange bitten. Flink und genussvoll setzte er seine Unterschrift darunter. Doch schon zwei Stunden später zückte er seinen Kugelschreiber erneut und unterschrieb eine Resolution für den Polizeipräsidenten. Seit dieser Stunde haftete ihm der karrierefördernde Ruf äußerster Flexibilität an. Doch damit nicht genug. Kurz darauf war ihm in der Revierwache der bereits ausgefüllte und unterschriebene Bestellschein für ein 20-bändiges Lexikon aus der Gesäßtasche gefallen. War es ein Wink des Schicksals, dass ausgerechnet an diesem Tag der Polizeipräsident in Begleitung des Bürgermeisters die Wache besuchte? Wie dem auch sei, es war der Bürgermeister, der den Zettel aufhob. Seine messerscharfe Schlussfolgerung: „Ein Polizist, der ein 20-bändiges Lexikon bestellt, muss äußerst intelligent und hochgebildet sein.“ Und als Benno Brunstbock seinen Kugelschreiber sogar auf einer Gewerkschaftsversammlung zückte und die Beitrittserklärung unterschrieb, da gab es nichts mehr auf dieser Welt, was seinen Aufstieg hätte verhindern können.

Benno Brunstbock richtete seine Uniform und machte sich der außerordentlichen Bedeutung des heutigen Einsatzes in allen seinen Dimensionen bewusst. Er begriff, dass die Gefangennahme des Superflüchters seinen Ruhm mehren und ihn über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt machen würde. Verklärten Sinnes stand er auf dem Führerhaus seines Fahrzeugs und beobachtete die Truppe, wie sie Stellung bezog. Da näherte sich aus der Dunkelheit eine schwarz gekleidete Person. Misstrauisch sah Brunstbock der Gestalt entgegen. Doch zu seiner Beruhigung reichte sie ihm einen handschriftlich beschriebenen Zettel und bat um eine Unterschrift. Ein  Behördenkram also. Schwupp! Und schon saß sein Namenszug auf dem Papier. Dass es sich bei der unbekannten Person um Egon Brausewitz handelte, bemerkte er ebenso wenig wie den Umstand, dass er gerade einen Passierschein ausgestellt hatte. Seine ganz Aufmerksamkeit hatte allein seinem Schriftzug und dem Bemühen gegolten, möglichst gelassen und natürlich zu erscheinen. Denn niemand hatte bislang bemerkt, dass Benno Brunstbock weder richtig lesen noch schreiben konnte.

Der Beginn: Wie es wurde.

Wir sind der Zeit ein gutes Stück vorausgeeilt. Die Welt hat sich verändert, so wie auch unser schönes Hamburg sich verändert hat. Es sind Veränderungen, die man sehen kann: auf Straßen und Plätzen, beim Wohnen und Arbeiten. Stets sind es die Taten, die etwas hinterlassen, wenn auch nur in den Köpfen der Menschen. Nicht immer ist die Welt dadurch reicher und glücklicher geworden. Und manchmal fragt man sich, ob man lachen oder weinen soll. So wie auch über die "Täter", von denen diese Geschichte handelt.

Ihre Namen sind schnell dahingesagt: Egon Brausewitz, Rundy Rohrbein, Freddi Kasanova und Winfried Oberwasser. Es sind Namen, wie sie zu jedem anderen Menschen auch gehören könnten. Denn Namen stehen gewöhnlich für nichts. Ganz normale junge Menschen sind sie einmal gewesen, überquellend vor Träumen, heiligen Idealen und dem bescheidenen Wunsch, sich selbst zu verwirklichen. Filmschauspieler haben sie werden wollen, Schriftsteller, Fernsehmoderatoren, Politiker, Erfinder oder Wirtschaftsführer. Menschen wie du und ich also.

Doch es sollte die Zeit kommen, in der sie mit 14 Jahren die ersten Abende auf öffentlichen Plätzen verbrachten, insbesondere auf dem Straßburger Platz, wo sie am Fuße der Frohbotschaftskirche lernten, wie man Bierdosen öffnet. Hier, inmitten des Einfache-Leute-Stadtteils Dulsberg, verblassten ihre Träume rasch. Warum auch soll ein Schüler, dessen Zeugnis aus Vieren und Fünfen besteht, sich danach sehnen, Chefarzt oder Manager zu werden?

Dennoch: Es bleibt für ewig ein menschliches Bestreben, sich herauszuheben aus den Niederungen seiner Bedeutungslosigkeit. Ein Traum, dem auch unsere vier jungen Helden nachhingen. Ihn zu erleben schien ihnen nur durch ein Ziel möglich: Geld! Genauer gesagt: viel Geld! Ja, die vier jungen Leute wollten einfach nur das, was so viele heutzutage auch wollen, nämlich ganz schnell reich werden. Dies zu besiegeln beschlossen sie im Alter von 16 Jahren einen Schwur abzulegen.

So schlüpften sie an einem herbstlichen Donnerstag in ihre Sonntagskleider und suchten den Ort ihrer Inspiration auf, den Straßburger Platz. Die Jugendlichen mieden die schmucklosen Ruhebänke, auf denen die älteren, schon traumentleerten Stammgäste saßen und in geschwätziger Runde einen Hochprozentigen kreisen ließen. Die Sonne stand bereits tief und brach sich an den herbstlaubfarbenen Mauern der Frohbotschaftskirche. Hier, im Schatten des backsteinernen Kirchenschiffes, auf heiligem Grund sozusagen, sollte das folgenreiche Versprechen besiegelt werden. Die Entschlossenen drängten sich in den Schutz der immergrünen Bepflanzung, wo sie 30 leuchtend bunte Teelichter aufstellten. Aufgewühlt von dieser feierliche Atmosphäre fielen sie auf die Knie, falteten die Hände und erflehten den Segen des geweihten Ortes. Bis zum 27. Lebensjahr wollten sie es geschafft haben, dann wollten sie berühmt, reich und unabhängig sein. Sollten sie dieses Ziel bis dahin nicht erreicht haben, dann, so drohten sie dem Schicksal, würden sie zur Strafe eine Bankfiliale ausrauben. Sie schworen es mit den Worten der Musketiere: Alle für einen und einer für alle.

(....)

Egon Brausewitz blieb verschwunden. Allein der sprichwörtlichen Sturheit des Polizeichefs war es zu verdanken, dass der Superflüchter 72 Stunden später doch noch abgeführt werden konnte. Denn Benno Brunstbock hatte sich nicht davon abbringen lassen, den Gesuchten im Umfeld der Oma zu vermuten. Er sollte Recht behalten. Tatsächlich wurde der Superflüchter im Garten seiner Oma hinter einem Strauch stehend festgenommen. Die schnöde Notwendigkeit zu pinkeln hatte ihn aus seinem Versteck getrieben.

Doch in der grünen Minna, die ihn zurück ins Gefängnis brachte, wirkte Egon alles andere als zerknirscht. Drei Tage hatte er in Freiheit verbracht. Ein Rekord, von dem er bislang nicht zu träumen gewagt hatte. Drei weitere Ausbrüche noch, dann hatte er sein neues Versteck fertig gestellt, eingehöhlt unter dem schützenden Beton der Terrasse seiner Oma, mit einem Einstiegsloch, das von wucherndem Rotdorn und dichtem Rhododendron verdeckt wurde. Der raffinierteste Ausbrecher aller Zeiten war zwar fest entschlossen, seinen Häschern eines Tages endgültig zu entkommen; auf die Nähe seiner Großmutter indes konnte und wollte er nicht verzichten.

Die Häufung der Ausbrüche rief die Justizbehörde auf den Plan. Ein neuer Gefängnisdirektor namens Artur Festhalter trat seinen Dienst an. Verglichen mit seinen Vorgängern war er jung an Jahren, ein Enddreißiger mit dem akademischen Titel eines Diplompsychologen. Das struppig blonde Haar trug er auf hoch erhobenem Haupt. Sein Blick wirkte durch das feingliedrige Brillengestell verklärt, nachdenklich, gleich einem Hochschulprofessor auf dem Weg zur Vorlesung. So etwa empfanden ihn auch seine Mitarbeiter aus den Wachräumen, der Küche und der Verwaltung. Überall und zu jeder Zeit erteilte das neue Gefängnisoberhaupt Ratschläge, und wenn es richtig in Fahrt geriet, arteten sie zu belehrenden Vorträgen aus.
Nach einem eintägigen Aktenstudium suchte Artur Festhalter die Zelle des Superflüchters auf. Diesem ungewöhnlichen Insassen sollte fortan seine ganze Aufmerksamkeit gelten. Denn der hochgebildete Gefängnisdirektor mit der Vorliebe für dezente Leinenjacketts wußte schließlich, was sich gehörte. Immerhin hatte er seinen Aufstieg zum Direktor dieses berühmten Hauses in erster Linie dem überaus berühmten Superflüchter zu verdanken. Ohne ihn wäre der Posten wohl kaum vakant geworden.

Egon empfing seinen neu eingesetzten Chefbewacher mit einem abschätzenden Grinsen, aus dem heraus zwei hellwache Augen den Besucher abtasteten wie ein Scanner. Noch bevor Artur Festhalter ihm die Hand reichte, wusste der über die Jahre gereifte Egon um den Ernst der Lage. Ein gerissener Kerl, dachte er über seinen neuen Chefbewacher, einer, den man im Auge behalten muss. Doch fürchtete Egon sich nicht. Er allein war der Superflüchter und der Direktor noch lange kein Superfesthalter. Und das dies so bliebe, dafür wollte er schon zu sorgen wissen. Also nahm er das Angebot zum gemütlichen Small Talk an und plauderte mit dem neuen Direktor munter drauflos: von seiner geliebten Großmutter, von der bösen Polizei, die ihm einfach nicht den Frieden gönne, der ihm zustehe, und natürlich von seiner ursprünglichen Unschuld, dem Ausgangspunkt all seines Unglücks. Festhalter lenkte das Gespräch von Zeit zu Zeit wie harmlos auf die Frage nach den Ausbruchsmöglichkeiten, die Santa Fux böte, lobte in diesem Zusammenhang Egons Kreativität, umschmeichelte dessen Ausbrecherleistungen, schmierte ihm Honig aufs Haupt, lächelte gütig-seelenverloren und senkte demütig die Stimme. Doch so sehr er sich auch bemühte, in Egons heimliche Gedankenwelt einzudringen, es fruchtete nichts. Der Gefängnisdirektor musste schließlich einsehen, dass Egon sein Innerstes ebenso fest umschlossen hielt wie die hohen steinernen Mauern die gewöhnlichen Gefangenen von Santa Fux.

Als Festhalter sein berühmtes Verwahrobjekt verließ, fühlte er sich zum Handeln gedrängt. Egon Brausewitz war nicht zu vergleichen mit einem profanen Durchschnittsgefangenen, keine Großspurigkeit, keine Untertänigkeit, keine Affekte, nicht die typische Chemie aus Minderwertigkeitsgefühlen, Selbstüberschätzung und infantiler Weltbetrachtung. Verstand und Empfinden schienen gut gemixt, sozial verträglich und durchaus leistungsgerecht. Sollte Egon Brausewitz etwa ein ganz normaler Mensch sein? Unerträglich! Seit wann gab es für Psychologen normale Menschen? Artur Festhalter fühlte ein finsteres Grausen von Egon ausgehen. Zurück in seinem Büro war der Entschluss gefasst: Zuallererst musste Egon in eine andere Zelle verlegt werden, am besten in eine, in der er von Sonne, Mond und Sterne abgeschnitten war, woraus er offenbar einen Teil seiner Energie und Entschlossenheit zog. Da entsann sich Festhalter der Ansammlung von Taschenrechnern auf Egons Zellentisch, des vor Sternenliteratur überquellenden Regals, der Plakate und Zeichnungen an den Wänden. Nein, das werde ich anders machen, dachte er, dich, Egon Brausewitz, werde ich so verwirren, dass du dein Leben lang an mich denken wirst. Grimmig, zugleich aber beglückt von seiner genialen Idee, erteilte der Direktor die notwendigen Anweisungen. Dann rief er die Sternenwarte an und erkundigte sich nach dem Stand des Mondes. Der sollte erst wieder in zehn Tagen sein volles silbriges Licht in die Gefängnishöfe gießen. Gut, sehr gut, da bleibt genügend Zeit zum Handeln, frohlockte Artur Festhalter.

Egon Brausewitz schlief diese Nacht so tief und fest wie immer in Santa Fux. Das nächtliche auf- und abschwellende Klopfen, die geheimnisvollen Morsezeichen der Mitgefangenen, störte ihn schon lange nicht mehr. Wohlig rekelte er sich in das Erwachen hinein. Er streckte die Arme, die Beine, drehte und wandte sich, gähnte genießerisch. Dann setzte er sich auf die Pritsche, atmete tief durch und wartete, bis ihm ein klarer Kopf anzeigte, dass sein Blutdruck der aufrechten Körperhaltung angepasst war. Alles schien wie sonst auch. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, wusste er, dass irgendetwas bevorstand. Misstrauisch horchte er nach den Wärtern, nach Wortfetzen, die zu ihm in die Zelle drangen. Als ihm das Frühstück gebracht wurde, registrierte er jede ihrer Bewegungen, jeden Handgriff und jeden Schritt. Egon forschte in den Augen der Wärter nach etwas Heimlichem, irgendeinem überheblichen Blinzeln, dass ihm hätte signalisieren können: Aufgepasst, gleich geschieht etwas.

In gut einer Woche sollte Vollmond sein. Ein neuerlicher, der endgültige Ausbruch stand bevor. Jetzt nur keine Mätzchen, dachte Egon, keine Veränderungen, nichts, was erneut umfänglich und zeitraubend durchdacht und berechnet werden müsste. Doch die Wärter verrichteten an diesem Morgen ihre Aufgabe im immerwährenden Trott verbeamteter Gleichgültigkeit. Ihnen zuzusehen hatte etwas Beruhigendes.

Und dennoch: Mit den Gedanken beim Direktor aß Egon das Frühstück ohne Appetit. Selbst der Kaffee verweigerte den guten Geschmack. Festhalters Besuch vom Vortag ließ ihn keine Ruhe finden. Ahnte der Direktor wirklich nichts? Unwillkürlich fasste Egon unter den Tisch nach einer Brauseflasche, in der er eine ätzende, selbst gemixte Flüssigkeit aufbewahrte, mit der er das Gestein aufzulösen pflegte. Dann erhob er sich von seinem Hocker, ging zum Fenster, spähte zurück zur Zellentür, visierte die Sehklappe. Nachdem sich nichts Verdächtiges zeigen wollte, rüttelte er prüfend am Gitter. Knirschend bewegte es sich im Gestein. Womöglich, so schoss es Egon durch den Kopf, will Direktor Festhalter während des Hofgangs die Zelle durchsuchen? Vielleicht wäre es da besser, die Brauseflasche aus dem Fenster zu hängen, an einem Bettlaken. Aber würde das nicht die Aufmerksamkeit der Wächter auf den Türmen heraufbeschwören? Wenn nun einer auf die Flasche mit der unbezahlbaren Flüssigkeit schießen würde..?
Egon konnte die Überlegung nicht zu Ende führen. Ein Geräusch löste sich irgendwo in der Ferne aus der Stille. Ganz allmählich verdichtete es sich zur Gewissheit. Ist es schon wieder so weit?, dachte er und warf einen verächtlichen Blick auf den Kalender an der Wand. Tatsächlich! Es war Freitag. Benno Brunstbock war im Anmarsch. In wenigen Minuten würde der Chef der Neuen Hamburger Polizei an der Spitze einer Kolonne von 15 schweren Fahrzeugen durchs Tor auf den Hof gefahren kommen.

 

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(...)
Plötzlich spürte Egon Brausewitz einen Ellenbogen in der Seite. „Eihh, du Bock! Was soll das? Warum schlägst du mir in die Rippen?“ Freddi Kasanova wies ungerührt auf den Tresen: „Siehst du die Bedienung, die mit den sanften Händen am Zapfhahn? „Gefällt sie dir? Dann könntest du mir eine Verabredung abnehmen.“ Überrascht von dieser Großzügigkeit glotzte Egon zur Theke hinüber. Erklärend fuhr Freddi Kasanova fort: „Weißt du, äh!, mich drängt es mehr zu der anderen, zu der vor dem Tresen mit den scharfen Lippen.“ Er winkte der Auserwählten mit einer Grazie, die dem verhaltenen Flügelschlag eines Flamingos glich. Dabei stöhnte er: „Ist sie nicht schmollig..?“ Egons Augen wechselten zur Angebeteten Kasanovas und konnten nichts Besonderes an ihr finden. Dann lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf dessen freundliches Angebot: die Tresenbedienung. Egon verfolgte ihren Umgang mit dem Zapfhahn. Ihre Unterarme erinnerten ihn an Eisenbahnschwellen. Auf ihrem Gesicht klebte der Stress des Abends. Ein Gesichtsausdruck, der sich sogar noch verfinsterte, wenn sie zu ihrer Konkurrentin auf der anderen Seite des Tresens aufsah. Egon lehnte dankend ab. Kurz entschlossen und nicht ohne Hinterfotzigkeit ging er zurück an den Tisch, beugte sich auf Schwächels Ohr hinunter und flüsterte: „Du, die Zapferin hinter dem Tresen hat gerade erzählt, dass sie dich obersupergeil findet. Du brauchst bloß bis zum Feierabend zu warten, dann gehört sie dir!“ Schwächel machte einen ungläubigen Gesichtsausdruck. So etwas hatte er noch nie erlebt. Misstrauen schoss in ihm hoch. Doch die weiche, unverdorbene Stimme Egons, dessen wohlmeinender Tonfall und die Aussicht auf eine nie gebotene Nacht ließen alle Zweifel versickern. Heute ist mein Glückstag, dachte er, erst dieses fröhliche Besäufnis hier, dann die Aussicht auf Rache an der Monopolbank und jetzt das Angebot dieser Göttlichen am Zapfhahn...

Zum Ende des Abends hin wurden die Aufgaben zur Vorbereitung des Banküberfalls verteilt. Freddi Kasanova wurde zum Bootsmeister bestimmt. Er sollte ein Ruderboot stehlen und an einem sorgfältig ausgewählten Versteck bereithalten. Egon erklärte sich nach langem Zögern einverstanden, täglich die Zeitung zu lesen und auf mögliche Probleme mit der Verkehrsführung, auf Straßenfeste, Demonstrationen und andere Behinderungen zu achten. Und Schwächel, der bei jeder Gelegenheit den Arm gehoben und lautstark „Hier!“ gerufen hatte, sollte den Ruf „Hände hoch! Überfall!“ auswendig lernen. Alles andere fiel in die Kompetenz Doktors, der sich insgeheim über Egon ärgerte, von dem er mehr Engagement erwartet hatte.

Zu guter Letzt stand die Einigung auf einen Termin für den Überfall an. „Am besten in der nächsten Woche“, schlug Freddi Kasanova vor, dem vier kostspielige Verabredungen bevorstanden. Als Schwächel gleich für den morgigen Tag plädierte, rutschte Doktor das Bierglas aus der Hand. Während er seine Hose reinigte, schimpfte er: „Kannst du mir verraten, wie wir bis morgen unsere Vorbereitungen abschließen sollen?“ „Was für Vorbereitungen?“, fragte Schwächel. „Der hat das Gedächtnis einer Schaufensterpuppe“, murmelte Egon fassungslos. Doch als er sich wenig später bei dem Vergesslichen erkundigte, ob er noch wisse, welche Dame nachher auf ihn warte, da grinste Schwächel und nickte mit dem Kopf.

Die Uhr zeigte kurz 23.26 Uhr, als Doktor sein Glas hob und sagte: „Also trinken wir auf den Freitag der kommenden Woche.“ Egon ließ sein Glas sinken. „He, du kannst doch nicht eigenmächtig den Freitag festlegen!“ schimpfte er. Doktor entgegnete selbstbewusst: „Doch, weil Schwächel, Freddi Kasanova und ich dieser Meinung sind.“ Egon sah Schwächel an. Der sagte daraufhin: „Doktors Meinung ist auch meine Meinung.“ Egon stieß Freddi Kasanova an. „Und was ist mit dir?“ Der Frauenbetörer, den Blick wie in Trance auf das Schmollichen gerichtet, gab zu verstehen, dass er einverstanden sei. Egon ließ resignierend die Schultern fallen und ergab sich widerwillig der Regie Doktors, des großen Planers und Lenkers. Der fügte hinzu: „Wenn alles geklärt ist, schlage ich vor, dass wir uns am kommenden Dienstag hier an Ort und Stelle wiedersehen, um die Vorbereitungen zu überprüfen und weiter abzustimmen.“

Egon hielt nun nichts mehr in dieser Runde. Vergrätzt von Doktors Eigenmächtigkeit bezahlte er die gesamte Zeche, gab ein großzügiges Trinkgeld und verließ die Schluckanstalt. Doch draußen, umweht von einer frischen nächtlichen Brise, besann er sich, kehrte zurück in die Kneipe und steckte Schwächel ein paar Geldscheine in die Jackentasche. „Falls du mit deiner Braut noch etwas unternehmen willst“, flüsterte er grinsend. Anschließend verließ er die Gaststätte an der Seite Doktors. Draußen fragte er: „Was meinst du, wie wird sich Schwächel verhalten? Geht er ran wie Blücher oder bleibt er still am Tresen sitzen und wartet auf die Initiative der Tresenbedienung?“ „Auf jeden Fall wird er sich blamieren“, antwortete Doktor. Sie lachten lauthals. So entspannt wie Egon jetzt war, ließ er sich von Doktor überzeugen, vorläufig auf dessen Dachboden Quartier zu nehmen.

Zur gleichen Zeit, da Egon und Doktor in einem Taxi über die Elbchaussee fuhren, saß Schwächel noch immer in der Schluckanstalt vor einem Glas Bier und winkte Freddi Kasanova zu, der gerade an der Seite seiner schmolligen Eroberung zur Tür hinausging, verfolgt von den bitter enttäuschten Blicken der Tresenbedienung. Der wortkarge Schwächel leerte ein Bier nach dem anderen, wartete geduldig auf den Feierabend. Wann immer ihm die Tresenbedienung das Getränk brachte, verdrehte er die Augen und verzog sein gerötetes Gesicht zu einem Lächeln, von dem er hoffte, dass es unwiderstehlich wäre. Als die letzten Gäste begannen, sich zu verabschieden, bestellte Schwächel schnell ein Bier. Er hatte es noch nicht ausgetrunken, da wagte er die erste vorsichtige Annäherung. „Ich freue mich schon auf nachher“, sagte er säuselnd. Doch die Tresenbedienung, von der er inzwischen wusste, dass sie Ilona hieß, hörte ihm gar nicht zu. Das Einzige, was sie an ihm wahrnahm, war seine Trinkfestigkeit, was den Umsatz hob. Endlich! Gut abgefüllt verließ der vorletzte Zecher die Gaststätte. Schwächels Stunde war gekommen. Er war allein mit seiner Angebeteten, aber auch mit 2,5 Promille im Blut. Kerzengerade richtete er sich auf, stampfte schaukelnd und schnaubend nach vorn zum Tresen. Ilona, die gerade damit beschäftigt war, ihren Arbeitsplatz zu reinigen, beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Immerhin hatte sie noch Geld für neun Gläser Bier zu bekommen. Da stand Schwächel auch schon am Tresen. Lüstern leuchteten seine rot unterlaufenen Augen. Einen Augenblick der inneren Sammlung noch, dann warf er seinen kraftlosen Leib auf den Tresen, streckte die Arne aus, versuchte nach ihr zu greifen. „Ich mache dich glücklich!“, lallte er. Dann geschah das Unerwartete. Denn Ilona dachte nicht eine Sekunde daran, sich glücklich machen zu lassen.

Gegerbt von langen Jahren in der Gastronomie wusste sie nur allzu gut, dass man niemals Nachsicht mit betrunkenen Gästen haben durfte. Mit dem Gleichmut einer Wäscherin griff sie unter den Tresen, zog einen Knüppel hervor und schlug ihn Schwächel über den Schädel. Der hatte den Hieb zwar kommen sehen, aber seinen Sinn nicht rasch genug erfassen können. Der eben noch Aufdringliche wankte mit weit aufgerissene Augen, die nach Hilfe riefen. Aber zu seinem Unglück stand er noch immer aufrecht. Donnerwetter!, dachte Ilona anerkennend. Dann sauste der Knüppel ein zweites Mal auf ihn nieder. Wumm! Endlich lag er flach. So wollte sie ihn haben. Sie kam hinter dem Tresen hervor, um sich zu vergewissern, dass die Gefahr auch wirklich vorbei war. Als sie den kleinen Kerl mit der wulstigen Unterlippe so daliegen sah, mit blutendem Schädel über den buschigen Augenbrauen, da tat er ihr sogar ein wenig Leid. Mit der Spitze des Knüppels stieß sie ihn an. Normalerweise müsste er jetzt aufstehen, bezahlen und dann zur Tür hinaustorkeln. Doch dieser hier blieb einfach liegen.

Schwächel wäre nicht Schwächel, ließe er sich so einfach bezwingen. Wenn er auch flach auf dem Rücken lag und der Schmerz durch seine Nervenbahnen jagte wie die Formel 1 über den Nürburgring, so hallten doch noch immer Egons liebliche Worte durch seine Erinnerung, wonach der Tresen-Engel scharf auf ihn sei. Also folgerte er, dass die Angebetete auf Sada-Maso-Zärtlichkeit stehe. Und da Schwächel schon immer gefällig war, beschloss er, ihr eine Freude zu machen. Wenn man liebt, dürfe man nicht kleinlich sein, hatte er irgendwo gelesen. Ein Satz, der ihm zutiefst imponiert hatte. Ilona allerdings ahnte von diesen zärtlichen Gedanken nichts. Und als sie sich über ihn beugte und die Schwerkraft ihre Brüste streckte, da packte Schwächel blitzschnell zu, zog sie an den Schultern herunter und biss ihr mit gierigen Zähnen durch das T-Shirt ins Fettgewebe. Dem jähen Schmerz, der sie durchfuhr, folgte ein eiskalter Schauer, nicht aus Lust, sondern aus Angst, der perverse Lüstling könnte ihr zu einer wirklichen Gefahr für Leib und Leben werden. Und wieder war es Zeit zu handeln. Ein Kniff in seine Hüfte, eine rasche Drehung, schon stand sie über ihm. Sie nahm den Knüppel, holte weit und entschlossen aus, zielte auf seinen Brustkorb. Ein Vorgang, der Schwächel ganz und gar nicht behagte. Mit Entsetzen bemerkte er, wie sich ihr ganzer Bewegungsablauf auf diesen einen Schlag ausrichtete. Das abzuwenden, wäre er bereit gewesen, auf ihre Liebe zu verzichten. Der letzte Gedanke vor der Bewusstlosigkeit galt der Überlegung, ob er überhaupt für Sado-Maso-Zärtlichkeit geschaffen war. Es blieb ihm keine Zeit, die Frage zu beantworten.

Ilona handelte zielstrebig. Sie bediente sich aus Schwächels Jackentasche, rechnete die ausstehenden Biere und ein großzügiges Trinkgeld ab. Dann rief sie einen Krankenwagen. Die Polizei verständigte sie nicht. Warum auch? Schwächel war ein guter Zecher, hatte Geld in der Tasche und sah eigentlich ganz gut aus. Es bestand also kein Grund, ihm eine zweite Chance zu verwehren.

Die Niederschläge hatten Schwächel offenbar sehr geschockt. Denn im Krankenhaus, wo er am Tropf hing, weigerte er sich beharrlich aufzuwachen. Wann immer er das Bewusstsein für kurze Zeit wiedererlangte, hielt er die Augen geschlossen und horchte ängstlich auf jedes Geräusch, das ihn an Sado-Maso-Ilona erinnern könnte. Die Ärzte waren ratlos. Mehrmals schon hatten sie ihn untersucht, konnten aber keine Antwort finden auf die Frage, warum der Patient nicht aufwachen wollte. Die mittelschweren Prellungen an Kopf und Brustbein mochten schmerzhaft sein, dürften aber eigentlich nicht zu fortdauernder Besinnungslosigkeit führen.

Schwächel verstand es, sich der Ohrfeigen und chemischen Muntermacher, mit denen er zunehmend traktiert wurde, zu erwehren. Doch in der dritten Nacht trieb ihn der Hunger hoch. Es mochte gegen 2.00 Uhr gewesen sein, als er im Nachbarzimmer Äpfel und Kekse stahl, die er noch an Ort und Stelle verzehrte. Anschließend schlich er auf den Balkon, wo er eine Zigarette schmauchte. Hier machte er eine Entdeckung, die ihm zum Verhängnis werden sollte. Es handelte sich um eine halbvolle Flasche Doppelkorn, die von irgendjemandem hinter einer Pflanze versteckt worden war. Nur wenige Minuten später war sie leer und Schwächel volltrunken. Als die Schwester um 6.00 Uhr früh das Krankenzimmer betrat, vibrierten ihre Nasenflügel. Ein verbotener Geruch lag in der Luft. Und auch sonst schien nicht alles so, wie es sein sollte. Die alarmierten Ärzte fanden einen laut schnarchenden Patienten, der unbedeckt auf dem Bett lag und dessen Gesichtsfarbe eher dem prallen Leben denn einer schweren Krankheit glich. „Mir scheint“, sagte der Oberarzt, „dass wir bislang die falschen Mittel angewandt haben.“ Ein Assistenzarzt nickte grinsend mit dem Kopf. Während der Oberarzt das Zimmer verließ, wies er die Krankenschwester an, den Herrn so schnell wie möglich zu entlassen. Er, der Oberarzt, sei menschlich enttäuscht und wolle ihn nicht mehr sehen. Doch auch dieses Mal wollte es den Schwestern nicht gelingen, Schwächel ins Leben zurückzuholen. Da waren andere Methoden erforderlich. Zu zweit hoben sie ihn aus dem Bett und trugen ihn hinüber ins Bad. Dort setzten sie ihn unter die Dusche, drehten den Kaltwasserhahn auf. Dennoch dauerte es geschlagene 30 Sekunden, bis er endlich die Augen aufschlug.

Bislang war Schwächel von niemandem vermisst worden. Jeder war mit sich selbst und seinen Aufgaben beschäftigt. Freddi Kasanova hatte begonnen, die an der Alster gelegenen Bootsverleihe auszuspähen. Doktor hatte die Wände seines Zimmer mit Stadtplänen behängt, in die er alle nur erdenklichen Fluchtwege einzeichnete. Er war voller Unrast, telefonierte in einem fort und fuhr mehrmals am Tag mit der S-Bahn zum zukünftigen Ort des Geschehens. Egon hatte es sich auf Doktors Dachboden bequem gemacht und folgte seinem Auftrag Zeitungen zu lesen. „Keine Sperrung der Alster, keine Arbeiten an U- und S-Bahn, keine veränderte Straßenführung, keine Stadtteilfeste, nichts, rein gar nichts, was uns aufhalten könnte“, so lautete die Meldung. „Ach ja“, ergänzte er, „die Monopolbank befindet sich auch noch an Ort und Stelle.“