 |
 |
|
Die karibische Sonne stand über der Endlosigkeit der See auf ziemlich genau 45 Grad. Ihre direkte Einstrahlung war zu dieser frühen Stunde gerade noch erträglich für Mitteleuropäer. Auch für Kurt Merten, der bis zur Hüfte umspült wurde und verzweifelt auf das grünblau schimmernde Wasser starrte. Denn sein Spiegelbild riss im sanften Schaukeln der Wellen immer wieder ein. Vergänglich, wie Rosas Nähe, dachte er und richtete sich auf, wandte den Blick voraus, fixierte die dunkle Linie auf halber Weite zum Horizont. Sollte er zum Korallenriff schwimmen? Oder lieber eine halbe Stunde nach Norden marschieren, um im stillen Wasser der schwarzen Bucht sein Spiegelbild zu besuchen? Er wollte weinen, aber nicht allein. Vor einer Stunde hatte Merten bemerkt, dass er zur Tatenlosigkeit verurteilt war. Eine ganze Woche lang würde er allein hier aushalten müssen bis zum Eintreffen des nächsten Proviantbootes. Weil das Funkgerät streikte. Sabotage? Sollte etwa Rosa...? Ausgeschlossen, von Technik verstand sie einfach nichts. Merten beschloss, zurück zum Ufer zu gehen, aber nicht um die schwarze Bucht aufzusuchen. Nein, der bleiernen Müdigkeit wegen, die endlich, endlich!, nach ihm fasste. Zwei Abende, einen ganzen Tag und zwei Nächte hatte er anhaltend aufs Meer hinausgestarrt, hoffend, flehend, ja betend für Rosas Rückkehr. Ausgehöhlt fühlte er sich vom anhaltenden Grübeln, wie ausgewaschen durch einen nicht enden wollenden Strom von Empfindungen. Kaum hatte Merten die karge Holzhütte erreicht, überfielen ihn die Erinnerungen. Wie oft hatte er mit Rosa unter sternenklarem Himmel auf der Veranda gelegen, Haut auf Haut, eingewickelt in wollenen Decken, mit zwei Gürteln verschnürt, wie verpackt für die Ewigkeit. In manchen Nächten, in denen sie schwitzend nach Luft keuchten, hatte Merten sich gewünscht, zu den Sternen aufzusteigen, um in diesem Zustand das All zu durchqueren. Heute genügte es ihm, zu seinem Bett zu gelangen, wo er umgehend in einen komaähnlichen Schlaf fiel. In diesem Zustand sollte er den ganzen Tag und die halbe Nacht verbringen. Es war dunkel, als er die Augen aufschlug. Der Gewohnheit folgend, tastete er die rechte Bettseite ab. Sie war leer. Da empfing ihn die Wirklichkeit. Und die bedeutete, dass alles anders war als in den vergangenen zwei Monaten. Denn Rosa war auf und davon. Übers Meer, ohne sich umzudrehen, mit Piet, dem Steuermann des Proviantbootes. Und dabei hätte Merten eine Million gewettet, dass die Kleine zu ihm stehen würde. Keinen Bissen hatte Merten seitdem zu sich genommen. Dass er starken Hunger verspürte, erschien ihm als gutes Zeichen. Er öffnete eine Konserve mit dunklem Brot, träufelte Olivenöl darauf, verschlang es halb zerkaut. Dann, auf der Terrasse, kühlte er seine Nerven in der salzig-milden Nachtluft. Zurückgelehnt in einen Liegestuhl beobachtete er den Sternenhimmel. Je länger er den Lichterteppich auf sich wirken ließ, umso mehr erschienen ihm die Sterne wie der Abdruck der eigenen Seele, lichtern, schillernd, anregend in all der finsteren Schwärze. Da fühlte er sich stark. Keine zwei Tage mehr und Rosa kommt zurück, ganz bestimmt, dachte er und erinnerte die Versprechen, die sie einander gegeben hatten, in diesem Paradies ein neues, freies Leben zu beginnen. Ach, Rosa… Nie hatte er mit ihr über die Gestirne, über philosophische oder Naturbetrachtungen sprechen können. Von geistreichen Metaphern und Empfindungen ganz zu schweigen. Rosa hatte immer nur heute gut oder heute nicht gut aussehen wollen, und wehe, sie hatte nicht gut ausgesehen. Gelegentlich hatte sie geklagt, aber nur selten mit Worten, zumeist unbewusst, mit Mimik und Körperhaltung. Seltsam, dass sie in solchen Phasen am liebsten Verstecken gespielt hatte. Manchmal über den ganzen Tag hinaus. Hatte Rosa im Meer geplanscht, war es eine Pracht gewesen, ihr zuzuschauen. Das war es, was Merten seit der ersten Sekunde fasziniert hatte. Dazu ihre ungelenke, hilflose Schamhaftigkeit im Gegensatz zu dieser sonderbaren Selbstverständlichkeit, mit der sie seinen, Mertens, Lüsten gefolgt war. Und das schon vom zweiten gemeinsamen Abend an. Da hatte der Hummer noch gezwickt in der Magengegend. Ach je! Erinnerungen! Schöne, überwältigende Reminiszenzen, denen sich Merten gerne hingab. Wehmut trug seine Gedanken. Dabei war es keine schöne Vorstellung, dass Rosa womöglich nichts anderes als eine Erinnerung bleiben könnte, wenn auch überwältigend, einem ganz persönlichen Epos ähnlich. Den ganzen Tag über blieb Merten in der Hängematte liegen, die Ohren gespitzt, auf das Geräusch eines Motorbootes wartend. Sie würde es sich überlegen, gewiss. Was, zum Teufel, wollte sie denn nur mit diesem albernen Bootführer, der stets nach Schweiß und Fisch roch. Klar, es drängte sie zurück zu ihren Eltern, die feine Dame vorzuspielen an seiner, Mertens, Seite. Man könnte ja die Insel als Urlaubsdomizil nutzen. So hatte sie zuletzt öfter vorgeschlagen, in Nebensätzen, im Konjunktiv, man könnte, irgendwie, wenn das Schicksal es so fügen würde. Im Osten begann die Dunkelheit das Meer zu umhüllen. Merten suchte einen Felsen auf, den höchsten Punkt der Insel. Nichts, kein Boot, keine Lichter. Schwer trug er an dem Gedanken, dass Rosa ausgerechnet in diesem Augenblick in den Armen des Bootsführers liegen könnte, hingegeben, spielerisch, dampfend vor Lust. Phantasien, die alle Hoffnung aufzuweichen drohten. Merten hielt trotzig dagegen: Bäh, soll die verdammte Hure doch glücklich werden mit dem Hungerleider. In der Nacht war an keinen Schlaf zu denken. Wieder und wieder schlenderte der Verlassene am Strand entlang, grübelnd, aufschreiend, betend. Als die Sonne hinter dem Riff das ruhige, dunstige Meer verließ, wirkte er gefasster, klarer, mehr bei sich, bei Kurt Merten eben, dem leitenden Beamten im Babyjahr. Ein verschmitztes Grinsen huschte über sein schmales, faltiges Gesicht. Ohne auch nur den geringsten Zweifel war sein Antrag bewilligt worden. Gratuliert hatten die Gutgläubigen dem netten Herrn Merten, wie man ihn in der Verwaltung nannte. Sollten die Dummköpfe doch schuften und sich mit hirnlosen Stadträten und nörgelnden Antragstellern herumschlagen, er, der nette Herr Merten, ließ es sich derweil hier gut gehen. Immerhin: wörtlich genommen hatte er die Kollegen von der Personalabteilung nicht einmal belogen. Entspannt diesmal schlief der Raffinierte ein. Als Merten am Nachmittag noch immer allein war, folgte er dem gewohnten Pfad zum Strand hinunter. Vor Wut in den Sand tretend, mit Muscheln und Steinchen werfend, so marschierte er fluchend und klagend unter der brennenden Sonne dahin. Verdammte Rosa! Dieses undankbare Geschöpf blieb wirklich weg. Und dabei hatte er doch alles getan für das Luder, sie versorgt, beschützt, getröstet in der Nacht, wenn sie von bösen Träumen heimgesucht worden war. Und dann die Liebeslust, alles Schöne hatte er ihr gezeigt und es nicht nur beim Reden belassen. Ja, vor nichts war er zurückgeschreckt. Und jetzt diese Undankbarkeit. Lieber Gott, ist das gerecht?, fragte er mit bebender Stimme gegen den anhebenden Wind. Zum x-ten Mal versuchte Merten das Funkgerät in Betrieb zu nehmen. Doch mehr als ein auf- und abschwellendes Rauschen vermochte er der Apparatur nicht abzugewinnen. Wie eine gefräßige Raupenkolonie, die einen Strauch befällt, so nagte der Ärger an Mertens Restbefindlichkeit. Die gefräßigen Viecher machten selbst vor dem Kummer über Rosa nicht halt. Merten fühlte eine gewisse Nacktheit, ihm wurde zusehends kälter, als führe ihm der auffrischende Wind geradewegs ins Gemüt. Nicht lange und Merten begann seine Habe zu sortieren. Ohne Rosa bestand kein Grund, auf der Insel zu bleiben. Er, Kurt Merten, hatte während der vergangenen acht Wochen einen fantastischen, Herz und Seele erquickenden Lebenstraum gelebt. Mehr ging nicht. Kein billiger Traum für einen Beamten mit gerade mal 8.800 Euro brutto. Jahrelang hatte er gespart, eisenhart gegen sich selbst. Dann der Tod seiner Mutter, das Erbe, zu dem die zwei Häuser gehörten. Es war genug übrig. Was sollte er sich also Sorgen machen wegen Rosa. Mit Geld ließ sich hierzulande so gut wie alles regeln. Mertens Hand fuhr in die Reisetasche, zog einen gut sortierten Stapel Papiere heraus, breitete sie vor sich hin. Er stutzte. Nanu, wo waren die Reiseschecks, wo war die Kreditkarte? Fieberhaft drehte er die Tasche mit der Öffnung nach unten, schüttelte Sand und tote Insekten heraus. Leer. So oft er die Papiere auch hin und her stapelte, weder das Bargeld noch die Kreditkarte wollten sich einfinden. »Verdammtes Luder«, schimpfte Merten, »kleine Nutte, elendes Viehzeug!« Rosa hatte ihn tatsächlich bestohlen. Das hätte er nun wirklich nicht gedacht. Was, in Gottes Namen, hatte sie nur mit der Kreditkarte vor? Die Dollars, ja, die gingen zwar zur Neige, aber für diese karibischen Breiten war immer noch ein erkleckliches Sümmchen übrig. Wozu die Kreditkarte...? Allein er kannte die Geheimnummer. Also völlig wertlos für das Kind. Und Rosas Lover, der Bootsführer? Der könnte die Karte nicht einmal zum Eis kratzen benutzen. Schließlich gab es hier keinen nordischen Winter. Da huschte ein helles Grinsen über Mertens Gesicht. Man kann nie wissen, überlegte er und sortierte sämtliche Dokumente heraus, die er für die Abreise benötigen würde. Am Ende musste er feststellen, dass auch sein Reisepass, ja sogar der Personalausweis fehlte. »Verdammte Weiber, irrational, wie Gott sie geschaffen hat«, schimpfte Merten. Es dauerte eine Weile, bis er wieder zur Ruhe kam. Da mahnte eine innere Stimme, dass die fehlenden Papiere zum Problem werden könnten. Schon fuhr Merten wieder auf: Ach was! Problem, Problem! Rosa würde ein Problem bekommen. Anzeigen wollte er die gemeine Diebin. Bestrafen würde man sie, ohne mildernde Umstände, sobald er nur sein Geld zurückerlangt hätte. Das Tage dauernde Warten aufs Eintreffen des Bootes fraß an Mertens Nerven. Er aß in einem fort und trank in einem fort Havanna Club, den er in der schattigen schwarzen Bucht zur Kühlung ins Wasser hängte. Den verbleibenden Tag über rannte er wie ein Tiger im Zoo über die Insel. So gelangte er in Ecken und Winkel, die ihm unbekannt waren. Vor einer Woche noch hätte er sich an den farbenprächtigen, unbekannten Pflanzen, an Vögeln und anderem Kleingetier erfreut, heute jedoch dienten Flora und Fauna allein dazu, seine Unrast zu bewältigen. Nur einmal hielt er inne. Zu seinen Füßen öffnete sich eine verborgene, von Sträuchern überwucherte Grube. Merten drückte die Zweige beiseite, drängte sich hinein. Vor ihm, verstreut über den spärlich bewachsenen sandigen Boden lagen die Verpackungen von Lebensmitteln: Dosen, Tüten, Plastikreste. Bei genauerer Betrachtung drängte sich die Vermutung auf, dass hier jemand mit seinen teuren Lebensmitteln seinen Hunger gestillt hatte. Nervös sah sich Merten um. War er vielleicht gar nicht allein auf dieser Insel? Ein bisschen Hoffnung kitzelte seine Nerven. War Rosa heimlich zurückgekehrt? Allein oder mit dem Bootsführer? Doch gab es auch eine andere Möglichkeit: die Polizei! Letzterer Gedanke jagte einen heißen Schauer über Mertens Rücken. Vorsichtig, über die Augenränder sichernd, bückte er sich nach einigen Verpackungsresten. Es handelte sich unzweideutig um seine Lebensmittel. Aber der Verrottungszustand und mancher Datumsstempel verrieten, dass dieser Ort seit Längerem verlassen war. Am rechten Rand einer Hecke leuchteten weißrote Stoffreste zwischen den knorrigen Zweigen hervor. Mühsam, einige Ratscher erleidend, fingerte Merten ein baumwollenes Hemdchen heraus. Die Größe stimmte, auch die verblichenen Blutspuren deuteten auf Rosa hin. Da bemerkte er zu seinen Füßen weitere Stoffreste, eingegraben, jetzt aber freigelegt vom aufwirbelnden Wind. Es waren drei Höschen, ebenfalls blutig, dann ein Top, das Merten schon länger vermisst hatte. Seine Miene verfinsterte sich. Hier also hatte das Luder sich herumgetrieben beim Versteckspielen. In der letzten Nacht vor dem erwarteten Versorgungsboot lag Merten wieder wach auf seiner Schlafstatt. Ein schier unendlicher Druck unter dem Brustbein trieb ihn immer wieder hoch. Dann floss Havanna Club durch seine Kehle. Allmählich fand er in seinem Getriebensein zu sortierten, beruhigenden Gedanken. Nein, ihm würde nichts Schlimmes passieren. Schließlich war er ein netter, stets hilfsbereiter Mensch. Hatte ihm das Schicksal ein so erfülltes Leben geschenkt, um ihn jetzt dafür zu bestrafen? Das machte einfach keinen Sinn. Denn er, der nette Herr Merten, war im Kern seines Wesens ein guter Mensch. Hatte er nicht viele harte Euros mitgebracht in diese Breiten, in denen die Armut grassierte? Wie vielen leidenden Menschen hatte er helfen können mit seinen Devisen? War er nicht ein moderner, ein wahrhaftiger Entwicklungshelfer? Einer, dessen Kohle auch wirklich ankam bei den Bedürftigen? Gott war sein Zeuge. Pah, andere amüsierten sich in Deutschland den lieben langen Tag in perversen Chaträumen oder verprassten ihr Geld in schmutzigen Hinterzimmern, er aber, er wagte sich dahin, wo es wehtat. Merten sammelte sich. Worauf kam es jetzt an? Vor allem musste er die Selbstgerechtigkeit loswerden. Dann brauchte er Geld. Mindestens um zu telefonieren, sobald er die Insel verlassen haben würde. Mit der Bank in Hamburg, mit einem Freund, er würde auch vor dem Teufel nicht zurückschrecken. Scharfsinnig, mit deutscher Gründlichkeit durchleuchtete Merten seine Möglichkeiten. Er war pleite, aber hatte Piet sich nicht schon lange für das Funkgerät interessiert? Zehn, zwanzig Dollar sollte er bereit sein zu investieren. Für nicht mehr als die Kosten von zwei oder drei lumpigen Telefonaten. Am Vormittag des letzten Tages reinigte Merten die Hütte. Besonders viel Arbeit bereitete ihm das tief ins Holz eingedrungene Gemisch aus Blut, Kot und Sperma auf Rosas Bettseite. Unglaublich, wie empfindlich die Kleine war. Na, zum Glück hatte man hier draußen ihre Schreie nicht hören können. Merten haderte: »Ich hätte das faule Luder zwingen sollen, die Flecken selbst zu entfernen.« Und während er schweißtreibend schrubbte, schalt er sich, viel zu gut und anständig für diese Welt zu sein. Schimpfend und schwitzend fuhr er fort. Allerdings: Das Herumkriechen auf allen Vieren ist für einen 59-Jährigen weiß Gott kein Vergnügen. Von 14.00 Uhr an saß der nette Herr Merten an einem schattigen Ort in der Nähe des Strandes auf gepackten Koffern und wartete auf das Verpflegungsboot. Sowie er an Geld gekommen sein würde, wollte er Rosas Eltern ein zufriedenstellendes Bargeschenk machen. Schließlich war er, Merten, ein europäischer Kulturmensch, der wusste, was sich gehörte. Nicht lange und in der Ferne wuchs ein Motorengeräusch aus der Stille. Das geht hier ja zu wie in Hamburg an der Binnenalster, dachte Merten vergnügt. Er griff zum Feldstecher. Wie es schien, war der Bootsführer nicht allein. Rosa? Mertens Herz begann zu rasen. Sollte er die Hütte vergebens gereinigt haben? Seinen Phantasien entsprossen in rascher, erwartungsfroher Folge raffinierte Bestrafungen für die freche Göre. Schon hielt er sie umschlungen, im Licht der Abendsterne. Er seufzte. So schöne Tage, die er mit Rosa verlebt hatte, die durften doch nicht einfach so verpuffen. Da war der Herrgott vor. Wieder seufzte Merten: Ja, es musste Liebe sein. Merten führte die letzte, gleichwohl schon angebrochene Flasche Bacardi an die Lippen und trank den Inhalt bis auf die Hälfte runter. Als er den Feldstecher wieder vor die Augen hielt, blieb ihm die Luft weg. Nicht Rosa saß neben dem Bootsführer, sondern eine breitschultrige Person. Und wenn kein Irrtum vorlag, dann deutete seine Kleidung auf einen Polizisten hin. Merten griff instinktiv an den Gürtel
|
|
 |
 |
|
seiner Sommershorts, wo er das Geld zu verwahren pflegte. Er zuckte zurück. Leere. Verdammt! Er war ja pleite. Er würde dem Mann der Ordnung keine Reverenz erweisen können. Noch nicht. Mit gepressten Lippen heftete Merten seine Augen auf den Polizisten im herannahenden Boot. Seine Gedanken weilten bei Rosa. Verdammtes Hurenkind! Wer anders als sie hatte ihm diese Suppe bereitet? Sie war eine Verräterin. Was wog schwerer als die Versündigung an den gemeinsamen nächtlichen Schwüren? Was für ein Schweinekind dieses Luder doch war. Der nette Herr Merten war wirklich enttäuscht. Denn klar und deutlich, wie vom karibischen Wind über die Düne geweht, hörte er ihre süßen, nachgesprochenen Worte: »Ehre den Erfüllten und den Starken, die es schaffen, eine großartige Liebe in stiller Ehrfurcht in ein gemeinsames Geheimnis zu verwandeln, auch den Eltern gegenüber und der Verwandtschaft.« Tausend Dollar hatte Merten dem Kind für die Verschwiegenheit versprochen. Die würde er jetzt dem Polizisten zustecken müssen, überlegte Merten und presste seine Lippen bis zur Blutleere. Der Druck unter dem Brustbein machte sich bemerkbar, begleitet von einem Unbehagen, das dem Enttäuschten in dieser Heftigkeit bislang fremd war. Schon fuhr das schlanke, mit einem starken Heckmotor bestückte Holzboot ins flache Wasser. Piet sprang hinaus, zog das Boot mit der Bugspitze auf den Strand, so dass der Polizist trockenen Fußes aussteigen konnte. Noch hatten sie den netten Herrn Merten nicht bemerkt. Die Ankömmlinge sahen sich um. Der Uniformierte fragte: »Wo, zum Teufel, steckt denn der verdammte Kinderficker?« Während Mertens Puls schmerzhaft beschleunigte, ahnte er dumpf, dass es mit 1000 Dollar nicht getan sein würde. Langsam, sich hinter der Düne davonrobbend, dann in gebückter Haltung das Weite suchend, so steuerte er jene Grube an, in der schon Rosa Schutz gesucht hatte. Hier saß er und sehnte sich nach Deutschland, nach seiner Wohnung, seinem geräumigen Büro und all den verantwortungsbewussten Kollegen, die täglich kamen, sich informell nützlich zu machen, mit aufgestelltem Handrücken sozusagen. Eine Geste, die ihm vertraut war, die ein wärmendes Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte, die Sicherheit und Geborgenheit versprach. »Oh, Gott, warum hilfst du mir nicht?«, fragte Herr Merten im Stillen. Es musste der Teufel gewesen sein, der ihn in diesen gottverlassenen Teil des Erdballs getrieben hatte. Mertens Aufregung ging allmählich über in Apathie. Dumpf grübelte er darüber nach, wie er an das Boot gelangen könnte. Doch fürchtete er, bemerkt zu werden, sobald er sein Versteck verlassen würde. Bemerkt wurde er auch so. Denn nichts hinterlässt auffälligere
Spuren als schwere Tritte in feinem Sand. »Hierher! «, hörte er Piet rufen. Schon waren die Suchenden nicht weiter als fünf Meter entfernt. Deutlich konnte Merten ihr Schnaufen vernehmen und das Knacken von trockenen Ästen auf dem sandigen Untergrund. Plötzlich war Stille. Merten horchte in den Wind. Bäuchlings lag er auf dem Boden, wagte einen Blick zwischen den dünnen Ästen zweier Sträucher hindurch. Die Lederschuhe des Polizisten ruhten zum Greifen nahe hinter dem Gebüsch. Merten schielte über die Augenbrauen hinweg nach oben. Der Polizist hatte seine Waffe gezückt und lauschte, suchte, hoch gespannt. Da fand Merten, dass es Zeit war aufzugeben. Wie in Trance, so erhob er sich, schüttelte den Sand aus der Kleidung, sagte an Piet gewandt: »Hallo, da bist du ja endlich, ich habe auf dich gewartet.« Piet und der Polizist fuhren herum. Merten hob beschwichtigend die Arme. Dann, ganz vorsichtig, griff er nach einem Leinentuch, um sich den Schweiß und den Staub aus dem Gesicht zu wischen. Harmlos, freundlich, entgegenkommend, so sprach er zum Polizisten: »Nanu, die Ordnungsmacht, auf dieser schönen Insel...?« Der Uniformierte blieb förmlich: »Es liegt eine Anzeige gegen Sie vor: Entführung, Vergewaltigung, Körperverletzung, Unzucht mit einer Minderjährigen von nicht einmal 10 Jahren. Ich muss Sie bitten, mit mir zu kommen.« Merten gab zurück: »Man macht sich nützlich, wo man kann.« In jovialem Ton fügte er hinzu: »Bei uns in Deutschland spricht man davon, dem Staat oder der Staatsmacht zu dienen.« Nach einer kurzen, gesetzten Pause schloss er lockend: »Dafür ist man auch schon mal bereit, etwas springen zu lassen.« Der Polizist, wohlwollend lächelnd, nickte kaum merklich mit dem Kopf. Dann forderte er Merten auf, ihm zu folgen. Mit einem Mal rief Piet: »Hierher! Verdammt, das Schwein hat es hier getan, an diesem Ort.« Piet ging auf die Knie und zog die blutverschmierte Kleidung aus dem Sand, die erst Rosa, später Merten nur unvollständig vergraben hatte. Der Polizist nahm die Stücke in Augenschein. »Ist das Ihre Wäsche oder Rosas Wäsche?«, fragte er. »Ich kenne keine Rosa…« »Verdammter Lügenhund«, fuhr Piet dazwischen. Der Polizist überlegte einen Augenblick. »Lassen Sie das schmutzige Zeug hier liegen, es nützt niemandem.« Piet ließ es nicht liegen. Was er zu fassen bekam, stopfte er unter das T-Shirt oder in die Hose. Am Abend landeten sie auf der Hauptinsel. Der Polizist verabschiedete sich von Piet, der ganz und gar nicht einverstanden war, den Polizisten mit dem Gefangenen allein zu lassen. Die spazierten vom malerischen Hafenbecken auf der gepflasterten Straße zum örtlichen Kommissariat. In Höhe einer Bank blieb der Polizist stehen. »Falls Sie Geld benötigen, hier besteht die Möglichkeit…«. »Jetzt nicht«, entgegnete Merten und verfluchte im Stillen den Tag, von dem an er seine Kreditkarte aus den Augen gelassen hatte. Auf dem Kommissariat wurde dem Gefangenen die Anklageschrift gereicht. Es stellte sich heraus, dass Rosas Eltern Anzeige erstattet hatten. »Der Beschuldigte«, so behaupteten sie, »hat sich als Pate einer europäischen Hilfsorganisation ausgegeben und den Eltern versprochen, ihre Tochter über den Sommer in ein kostenloses Feriendorf zu bringen.« Verfluchtes Bauernpack, wütete der nette Herr Merten still. Oh, er hätte ahnen müssen, erst die Kohle einsacken und dann Theater spielen... Auf die lange Liste von Anschuldigungen warf Merten nur einen kurzen Blick, dann haderte er mit der Undankbarkeit der kleinen Leute. Ob er sich zu den Vorwürfen äußern wolle, fragte der Polizist. »Alles erstunken und erlogen«, stellte Merten trocken fest. Er habe die Kleine nur auf das Ferienlager vorbereiten, ihr die notwendigen Benimmregeln beibringen wollen. Merten versicherte, Rosa vorzüglich behandelt zu haben. Wenn die Kleine Verletzungen davongetragen habe oder sexuell missbraucht worden sei, dann müsse sich die Polizei an die Eltern, das familiäre Umfeld oder an den Bootsführer wenden. Dieser sei der Einzige gewesen, der sie regelmäßig zu Gesicht bekommen habe. Womöglich seien die auf der Insel gefundenen Stoffreste das Ergebnis ihrer heimlichen Liebschaft. Er, Merten, könne versichern, dass das Kind mehrmals für mindestens einen Tag verschwunden gewesen sei. Für eine Verschwörung der beiden spreche, dass seine, Mertens, Kreditkarte gestohlen worden sei, ebenso all sein Bargeld. Verdammt! Merten biss sich auf die Zunge. Niemals hätte er darlegen dürfen, dass er mittellos war. Da verspannten sich auch schon die Gesichtszüge des Polizisten. Merten räusperte sich: »Darf ich von hier aus telefonieren?« »Sie dürfen mit der Deutschen Botschaft telefonieren.« »Nein, nein, nicht nötig. Ich brauche ein Telefonat nach Deutschland, um mir Geld schicken zu lassen.« Misstrauisch musterte der Polizist den Gefangenen, antwortete bestimmt: »Ich sage es noch einmal: Sie dürfen mit der Deutschen Botschaft telefonieren. So lauten die Vorschriften. « Geradezu entschuldigend fügte er hinzu: »Alles andere kostet Geld. Oder glauben Sie, wir sind ein reiches Land?« Der nette Herr Merten war sprachlos. Kurz darauf wurde er in den Keller geführt und eingeschlossen. »Der Richter wird entscheiden, was mit Ihnen geschieht. Bis dahin müssen Sie hierbleiben. « So lauteten die letzten Worte, die der nette Herr Merten für heute zu hören bekam. Das machte ihn fassungslos. Mit was für dummen Ignoranten hatte er es hier zu tun? Einen guten Devisenbringer einfach so ins Loch zu stecken. Dafür wollte er sich rächen, die veranschlagten 1.000 Dollar einem anderen zukommen lassen. Nur war ihm bei Weitem noch nicht klar, wem. Die Luft war stickig und stank nach Fäkalien und Schimmel. Merten war froh über jede Stunde Schlaf, die er der hölzernen Unterlage abzuringen vermochte. Gegen Mittag des folgenden Tages wurde er in die Wachstube geholt. Der Polizist händigte ihm den gestern beschlagnahmten Koffer aus. Merten begriff nichts. Ein tiefes Unbehagen fuhr ihm unter die Haut. Er verlangte einen Anwalt. Es stehe ihm frei, sich einen zu suchen, gab der Polizist zurück. In der Stadt lebe eine ganze Reihe von Rechtsgelehrten. Stadt? Eine Kloake ist das hier, dachte Merten. Ihm wurde klar, dass Gefahr im Verzug war. »Ich bestehe auf einem Anwalt«, wiederholte er. Der Polizist winkte ab, lehnte sich zurück, lockerte seinen Hemdkragen, zog einen Briefumschlag aus der Jackentasche und leerte ihn vor Mertens Augen. Als sich ein Häuflein Geldscheine auf dem Schreibtisch gebildet hatte, stockte dem netten Herrn Merten der Atem. Wie es schien, waren es seine Scheine, sein letztes Bargeld, das Rosa hatte mitgehen lassen. Schon war der Polizist fertig mit Zählen. »Macht exakt 2.500 Dollar«, stellte er zufrieden fest. Aufblickend schloss er: »Sie sind ein Glückspilz. Freunde haben Ihre Kaution bezahlt. Ach ja, Sie müssen sich jeden Samstag bei mir melden. Und jetzt gehen Sie bitte.« Kurt Merten war nicht dumm und ahnte, was kommen würde. »Ich will aber nicht gehen. Ich will mit Deutschland telefonieren. Oder, wenn es nicht anders geht, auch mit der Deutschen Botschaft.« »Zu spät«, antwortete der Polizist, der einen höchst zufriedenen, mit sich und der Welt einverstandenen Eindruck machte. Mit dem Kopf deutete er unmissverständlich in Richtung Ausgang. Merten machte sich steif. »Ich gehe nicht!« Der Polizist öffnete seine Pistolentasche, richtete die Waffe auf Mertens Kopf. »So einen wie Sie haben wir in dieser Stadt ja noch nie gehabt. Eins, zwei…« Der nette Herr Merten verließ wortlos die Wachstube. Nervös, die Umgebung abtastend wie ein rastloses Nagetier, suchte Merten die Nähe größerer Menschengruppen. Irgendwann fragte er nach einem guten Anwalt. Die meisten Passanten zuckten nur ratlos mit den Schultern oder rieten ihm, im Polizeirevier nachzufragen. Eine greise Dame endlich wies einen Weg durch die malerische, verwinkelte Altstadt, die sich hinunter bis zum Hafen erstreckte. Was sollte Merten machen? Hatte er eine Wahl? Er musste und er wollte der Auskunft folgen. Die Gassen wurden schmaler, die Häuser baufälliger, die Menschen verschlossener. Merten fühlte sich unbehaglich, als zöge sich die Luft zusammen. Dann, einem Donner gleich, zerfetzte eine Stimme seine Innerlichkeit: »Bleib ruhig, du Schwein!« Im gleichen Moment spürte er über der Hüfte etwas Spitzes, Hartes. Es bugsierte ihn in einen Hauseingang. Es roch nicht viel anders als im Verlies des Gefängnisses, und Licht drang auch nur in Spuren herein. Der nette Herr Merten fand keine Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ein dumpfer Schlag ließ ihn das Bewusstsein verlieren. Als er erwachte, stand Piet, der Bootsführer, über ihm, drohte mit einem Messer. Abseits, an der Wand, saß Rosas Vater. Merten blickte sich um. Oben auf der Treppe stand das Kind selbst. Es trug einen Verband um den Kopf. »Rosa, Kleines, was haben sie dir angetan?« »Sie?«, fragte Rosa. Der Druck auf Mertens Brust schwoll wieder an. Ihre Augen wirkten anders als auf der Insel, weder traurig, noch verspielt oder lustvoll, sondern kalt, gereift, erwachsen. Merten bemerkte, dass man ihm die Jacke genommen hatte. Der Gürtel seiner Hose war geöffnet, die Hosentaschen waren geleert. Rosas Vater kam heran. »Pass mal auf«, drohte er, »entweder du verrätst uns jetzt die Geheimzahl deiner Kreditkarte oder du wirst noch heute kastriert wie ein junger Bulle, aber auf unsere Art.« Der nette Herr Merten wollte schreien, doch seine Stimme versagte. Rosas Vater griff nach einem Knüppel, holte aus. »Nein!« Merten wusste, dass er verloren wäre, würde er die Zahl verraten. So war es immer in Krimis und Abenteuergeschichten, wo nur die Harten und Schweigsamen überlebten. »Ich sage nichts!«, presste er jämmerlich piepsend heraus. Mit einem dumpfen Geräusch traf ihn der Knüppel auf den rechten Oberschenkel. Merten schrie auf, dann, jämmerlicher noch als zuvor, sagte er: 25 52 25. Man reichte ihm Stift und Zettel, auf dem er die Geheimzahl mit zittriger Hand wiederholte. Während Piet und Rosa den Raum verließen und Merten geblendet wurde vom plötzlich einfallenden Tageslicht, spürte er auf seinem ramponierten Oberschenkel ein nasses, kühlendes Handtuch, das Rosas Vater gebracht hatte. Der wartete sodann mit gezücktem Knüppel auf die
Rückkehr der Geldbeschaffer. Keine halbe Stunde später fiel das Tageslicht abermals schneidend in den schummerigen Raum, von dem Merten nur wusste, dass er sich irgendwo in der Altstadt befand. Geblendet riss er die gebundenen Hände hoch. War es das letzte Mal, dass er das Licht der Sonne sehen sollte? Die drei tuschelten. Heftig redete Rosa auf die Erwachsenen ein, drängte oder verhinderte. Merten spürte, dass sie es war, die über sein Schicksal entschied. Mit einem ungeheuren Druck unter dem Brustbein, zittrig vor Angst, schossen dem netten Herrn Merten unwillkürliche Bilder durch den Kopf. Sie zeigten seine Eltern in den frühen Jahren seiner behüteten Kindheit, seinen Arbeitsplatz, die kurzen, informellen Begegnungen mit seinen Chefs, ihr freundliches, wohlwollendes Einverstandensein mit seinen heimlichen Berichten über Kollegen und Vorgesetzte, das aufmunternde Schultertätscheln, die Stunde seiner letzten Beförderung. Merten seufzte. Was für wunderbare, ergreifende Momente. Dann, wie von Geisterhand gesteuert, stand Clarissa im Raum, das kleine verkommene Biest aus dem Nachbarhaus. Neben ihr Hannelore und Rita, die beiden rotzfrechen Nutten aus dem Österreichurlaub, denen er nachmittags immer Märchen vorgelesen hatte. Besonders gern erinnerte sich der nette Herr Merten an die dicke, pausbäckige Blonde aus gutem Hause, die mit dem kurzen Pferdeschwanz, die es für ein Stück Pizza getan hatte. Nur flüchtig verweilten in seinen Gedanken die rauschhaften Stunden in Asien. Stoßweise ging Mertens Atem. Und nun sollte alles vorbei sein? Wo blieb die Gerechtigkeit? Wo war Gott? Da kollabierten seine Fantasien, die Angst schoss ihm durch das Rückenmark, denn Rosa und ihre Begleiter lösten ihre Beratung auf. Gemeinsam kamen sie heran, schweigend, aber finsteren, entschlossenen Blickes. Als Merten den Knüppel bemerkte, gelang es ihm gerade noch, die gefesselten Hände anzuheben. Doch vergebens, eine schmerzlose Nacht nahm ihn gefangen. Der nette Herr Merten erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen. Er lag im Sand unter der sengenden Sonne jener Insel, die er vorgestern verlassen hatte. Aus den Augenwinkeln konnte er die vertraute Hütte sehen. Träumte er? Ein Traum mit Schmerzen? Im Himmel befand er sich jedenfalls nicht. Da vernahm er Rosas Stimme. Sie stand abseits im Schatten eines Palmengewächses. »Du wolltest doch ein neues Leben beginnen, hier in deinem Paradies. Hast du nicht oft davon gesprochen? Wir schenken dir dieses paradiesische Leben.« Merten stammelte ein unklares »Danke«. Rosa lächelte: »Du musst dir keine Sorgen machen wegen der Miete für die Insel. Wir haben sie in deinem Namen und mit deinem Geld für die nächsten zwei Monate entrichtet. Und denk dir, man ist so rücksichtsvoll, dich mit deinen Träumen allein zu lassen. Niemand wird dich für die Dauer dieser Zeit belästigen. Und nun – viel Spaß!« Mühsam folgten Mertens Augen der Silhouette, die sich entfernte. Ein Bootsmotor sprang an. Ein Geräusch, das sich nur ganz allmählich im Wind verlor. © Rüdiger N. Aboreas, 2007
|
|